Ursachen der Finanzmarktkrise: Des Kaisers neue Kleider

Ursachen der Finanzmarktkrise
Des Kaisers neue Kleider

Zwei kleine deutsche Banken hätten in diesem Jahr nicht besser zeigen können, woran das globale Finanzsystem krankt. Mit undurchsichtigen Investmentvehikeln begaben sich IKB und SachsenLB auf die Suche nach mehr Rendite - und verloren dabei den Blick für das Risiko. Ein Blick auf die Ursachen der Finanzmarktkrise.

FRANKFURT. Es lebte einmal ein Kaiser, der ließ sich für viel Handgeld ungewöhnlich schöne Kleider weben. Die wunderbarste Eigenschaft der Gewänder: Nur schlaue Menschen konnten sie sehen - sagten zumindest die Weber. Und so lobten alle, die Minister wie die Bürger, das Kleid, was sie eigentlich nicht sahen. Erst als ein kleines Kind rief "Aber der Kaiser hat ja gar nichts an" - da ging der Ruf auf einmal durch das ganze Volk.

Hans Christian Andersens Märchen illustriert, was im Finanzjahr 2007 passiert ist. Das Jahr, in dem sich so manches komplex gewebte Gewand als Trug erweist und die beiden deutschen Banken IKB und SachsenLB in trauriger Klarheit verdeutlichen, woran das gesamte globale Finanzsystem krankt. Denn auch die beiden Kreditinstitute hatten sich Gewänder weben lassen, die jahrelang entweder bewundert oder nicht zur Kenntnis genommen wurden. Conduits und Structured Investment Vehicles (SIVs) heißen diese Gewänder in der Branche - und nicht nur IKB und SachsenLB trugen sie.

Es sind Investitionsvehikel, die sich kurzfristige Gelder von Investoren holen und diese in länger laufende Wertpapiere investieren, die etwas mehr Rendite abwerfen. Der Clou: Das bringt den Banken Gewinn, obwohl die hochkomplexen Konstrukte ihnen rein juristisch gar nicht gehören.

Gewebt werden solche Gewänder schon seit Jahren von Investmentbanken und internationalen Kanzleien. "Maßgeschneidert", sagt ein Bankenvorstand heute spöttisch. Ein jedes mit vielen Fußnoten auf Hunderten von Seiten, die eigentlich niemand mehr überblickt. Die Investoren nicht, die Banken nicht, die Regulatoren nicht. Aber alle machen mit.

Die Investoren machen mit, weil sie in Tiefzinszeiten nach einigermaßen renditeträchtigen Anlagen suchen. "Sie waren so gierig, dass sie keine Risiken mehr sahen", beschreibt Kreditanalyst Philip Gisdakis von Unicredit die Stimmung. Fast blind vertrauen sie den Bestnoten der Ratingagenturen auf Wertpapiere, die über Verbriefungen auf einem Mix an Wertpapieren basieren, die sich wiederum aus den unterschiedlichsten Krediten ableiten. "Risiken wurden verpackt und verpackt und wieder verpackt", beschreibt Giskakis. Am Ende habe es keine wirklich nachvollziehbare Verbindung mehr gegeben zwischen dem zugrundeliegenden Risiko auf der einen Seite und dem Investmentprodukt auf der anderen Seite.

Nur durch diese Undurchsichtigkeit ist es möglich, analysiert auch Jan P. Krahnen vom Zentrum für Finanzstudien in Frankfurt, dass ein eigentlich begrenztes Problem wie höhere Ausfälle bei US-Hypothekenkrediten minderer Bonität den Billionenmarkt für Schuldverschreibungen weltweit lahmlegen konnte.

Die Banken machen mit bei der globalen Modenschau der besonderen Art, weil die neuen Gewänder, Conduits und SIVs, ihnen gut stehen. Sind sie zunächst noch sinnvolle Instrumente, um Kundenkredite über den Kapitalmarkt mitfinanzieren zu lassen, werden sie bald zum reinen externen Investmentfonds. So schaffen sie den Banken neue Ertragsquellen und gerade den auf den deutschen Markt fokussierten kleineren Banken wie der IKB und SachsenLB eine internationalere Ausrichtung. Die Ratingagenturen loben die Diversifizierung durch die neuen Gewänder, deren Webprozess sie selbst gegen Geld überwachen. So verlieren viele Banken in den USA und Europa den Blick für das Risiko, weben immer weiter an den Gewändern und versehen sie mit illustren Namen - Loreley, K2 oder Kestrel: Die Investmentvehikel bei IKB, SachsenLB, aber auch WestLB oder Dresdner Bank wachsen auf zweistellige Milliardenbeträge.

Den Finanzmarktregulatoren sind die Weber zuvorgekommen, haben die Gewänder so geschneidert, dass sie formal alle Anforderungen erfüllen, um sich dem Einflussbereich zu entziehen. Und als die Regulatoren mit neuen Eigenkapitalrichtlinien (Basel II) Netze ausspannen, um die Milliardenvehikel einzufangen, ist es schon geschehen: Jemand hat gerufen "Der Kaiser hat ja nichts an" - und auf einmal sehen und rufen es alle.

Die Investoren kaufen nicht mehr. Die Preise für die verpackten Produkte stürzen ab. Als eines der ersten Opfer erwischte es Ende Juli die bisher als konservativ geltende Deutsche Industriebank AG, IKB. Wäre die staatliche KfW-Bank als größter Anteilseigner nicht eingesprungen - die Bank wäre zahlungsunfähig. Plötzlich wird klar, dass am Ende doch jemand für die so kompliziert erdachten Investitionsvehikel haftet - im Zweifel die Bank selbst. Der Kaiser steht nackt vor allen anderen.

Die Banken, die meist für ihr eigenes Haus nicht einmal genau wissen, wie tief verstrickt sie über verpackte Anlagen und Investmentvehikel in der Sache hängen, vertrauen sich gegenseitig nicht mehr. Sie beginnen, ihr Geld zu horten. Die Folge: Die Sätze am Interbankenmarkt, zu denen sich die Banken untereinander Geld leihen, schießen in die Höhe. Hinter jedem Anzug wird plötzlich ein Wundergewand vermutet, dass sich jeden Moment auflösen könnte. Die globale Vertrauenskrise am Finanzmarkt ist da.

Subprime, die minderwertigen Hauskredite, sind der Auslöser der Krise und verleihen ihr ihren Namen. Die Ursache aber liegt in dem Geflecht von Finanzinstrumenten, um Risiken zu transferieren und umzupacken, das in seiner Gesamtheit niemand mehr überblickt. Im Stresstest ist das Geflecht gerissen und macht so eine echte Finanzmarktkrise erst möglich. Die SachsenLB, die wegen ihres schwachen Kerngeschäfts in übergroßem Ausmaß auf die neuen Kleider gesetzt hat, muss vom Land Sachsen und der Landesbank Baden-Württemberg gerettet werden. Großbanken in den USA und Europa verlieren Milliarden.

2008 dürfte das Jahr der einfacheren Produkte werden, das Jahr der Rückbesinnung auf die Kreditrisiken am Ursprung der Verbriefungskette, auf Finanzmarktregulierung und Transparenz. Vorbei ist die Krise noch nicht. "Wir rechnen zwar im Laufe des ersten Halbjahres mit einer gewissen Entspannung", sagt Bankenexperte Thomas von Lüpke von der Ratingagentur Fitch. Neue Budgets und die Vorlage der Jahresabschlüsse sollten positiv wirken. Eine vollständige Transparenz aber sei angesichts der hochkomplexen Themen auch dann nicht sicher. Und die schlimmsten Folgen der Krise für die deutsche Realwirtschaft, meint Gisdakis, stünden mit einer wahrscheinlichen Verknappung der Unternehmenskredite erst noch aus.

Von der Krise erfasst: Deutsche und europäische Banken

20. Juli: Der Chef der IKB, Stefan Ortseifen, tritt Marktgerüchten über hohe Risiken durch US-Hypothekenkredite im IKB-Portfolio entgegen.

28./29. Juli: Bundesregierung und Finanzaufsicht entscheiden, dass die KfW mit 8,1 Mrd. Euro für die IKB bürgt.

30. Juli: Die IKB warnt vor einem Gewinneinbruch. Bei dem von ihr verwalteten US-Fonds "Rhineland Funding" hatten sich Kreditausfälle gehäuft. Die KfW übernimmt die Führung der IKB. Ein Rettungspaket wird geschnürt. Der Vorstandschef und sein Finanzvorstand müssen gehen.

19. August: Auch die SachsenLB gerät wegen riskanter Geschäfte mit Hypothekendarlehen in eine Schieflage und muss mit Milliardengarantien gestützt werden.

26. August: Die SachsenLB soll durch den Notverkauf an die LLBW gerettet werden.

30. August: Der Vorstandschef, Herbert Süß, und seine Kollegen werden abberufen.

13. Dezember: Nachdem neue Risiken auftauchen, verhandeln LBBW und das Land Sachsen neu. Der Kompromiss: Das Land bürgt für Risiken mit 2,75 Mrd. Euro, die LBBW für sechs Mrd. Euro.

23. August: Der Liquiditätsengpass im Interbankenmarkt führt auch in Großbritannien bei ersten Banken zu Finanzierungsschwierigkeiten. Die Hypothekenbank Northern Rock gerät in eine Vertrauenskrise, nachdem Marktteilnehmer über das Ausmaß der Kreditrisiken am amerikanischen Markt spekulieren.

14. September: Die Bank of England springt für die in Not geratene Bank ein. Doch die rund 1,5 Millionen Kunden sind verunsichert und ziehen innerhalb von zwei Tagen Schätzungen zufolge knapp drei Milliarden Euro ab.

1. Oktober: Die UBS gibt bekannt, dass sie zum ersten Mal seit neun Jahren einen Quartalsverlust in Höhe von rund 500 Mill. Euro ausweisen muss, Vier Wochen später beziffert die UBS den Abschreibungsbedarf auf 2,4 Mrd. Euro.

3. Oktober: Die Deutsche Bank muss 2,2 Mrd. Euro abschreiben.

6. November: Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller verkündet, dass die Bank von der US-Immobilienkrise deutlich stärker belastet wurde als zunächst erwartet. Die Einbußen summierten sich auf 291 Millionen Euro.

Nicole Bastian
Nicole Bastian
Handelsblatt / Ressortleiterin Ausland
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