Urteil
Jackson-Arzt in Los Angeles schuldig gesprochen

Zwölf Geschworene haben in Los Angeles ein Schuldurteil gefällt. Michael Jacksons früherer Arzt ist für den Tod des Popstars verantwortlich. Die Familie des „King of Pop“ und Fans jubeln.
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Los AngelesVor zweieinhalb Jahren hielt die Welt den Atem an: Es war der 25. Juni 2009, in Deutschland kurz vor Mitternacht, als Ärzte Michael Jackson für tot erklärten. Jetzt hat die Familie des „King of Pop“ nach langem Warten einen Schuldigen. Als am Montag das Urteil verlesen wurde, waren Jacksons Eltern Katherine und Joe sowie mehrere Geschwister des Sängers dabei. Hunderte Fans brachen vor dem Gerichtsgebäude in Los Angeles in Jubel aus.

In den Augen der zwölf Geschworenen hat der Mediziner Conrad Murray (58) strafbar fahrlässig den Tod des Popstars herbeigeführt. Gut acht Stunden hinter geschlossenen Türen brauchten die sieben Männer und fünf Frauen, um sich zu dieser Entscheidung durchzuringen. Für viele Prozessbeobachter war ihr Urteil keine Überraschung.

Die Anklage hatte mit 33 Zeugen und Hunderten Beweisstücken schweres Geschütz gegen Murray aufgefahren. Nach ihrer Darstellung hatte der Herzspezialist dem Popstar an seinem Todestag große Mengen des Narkosemittels Propofol gespritzt, seinen Patienten dabei aus den Augen gelassen, in heller Panik eine mögliche Wiederbelebung verpatzt, Spuren vertuscht und erst viel zu spät den Notarzt gerufen. Der Narkose-Spezialist der Anklage, Steven Shafer, hielt Murray während des sechswöchigen Prozesses 17 „unverzeihliche“ und „ungeheuerliche“ Fehler vor. Als „verrücktes Szenario“ tat der Anästhesist die Theorie der Verteidigung ab, dass sich Jackson das Mittel möglicherweise selbst gespritzt habe, als sein Arzt nicht im Raum war. Murrays Team ging das Risiko ein, Jackson mit seiner Sucht nach Schlaf- und Beruhigungsmitteln als „Schuldigen“ an den Pranger zu stellen. Regelmäßig habe der von Ängsten und Schlaflosigkeit geplagte Star seine „Milch“ verlangt. So nannte der Sänger das weißliche Narkosemittel Propofol, das ihm am Ende das Leben kostete. Gewöhnlich wird es im Krankenhaus vor Operationen gespritzt.

Murray war nur „ein kleiner Fisch in einem großen schmutzigen Teich“, sagte Verteidiger Ed Chernoff in seinem Schlussplädoyer mit Blick auf die vielen Ärzte, von denen sich der Popstar über Jahre hinweg mit starken Mitteln versorgen ließ. Chernoffs eindringlicher Appell, den Arzt nicht „für die Taten von Michael Jackson“ zu verurteilen, kam bei den Juroren nicht an.

Der Prozess, der über Videokameras im Gericht weltweit im Internet verbreitet wurde, brachte Schockierendes ans Licht. Wie eine Horrorrezeptur aus der Schmerzapotheke las sich das Polizeiprotokoll über die letzten Stunden im Leben des Popstars, vollgepumpt mit Mitteln zum Schlafen, gegen Schmerzen und Angstzustände. Die lallende Stimme des Verstorbenen erklang im Gerichtssaal. In einer Aufnahme, sechs Wochen vor seinem Tod, spricht Jackson über sein geplantes Konzert-Comeback. Die Leuten sollten nach der Show sagen können, er sei „der größte Entertainer der Welt“, stammelt der Sänger mit verzerrter Stimme, offensichtlich unter dem Einfluss von Betäubungsmitteln.

Es gab mehr zu hören und zu sehen, als den Juroren und den Angehörigen lieb sein konnte. Im abgedunkelten Gerichtssaal leuchtete eine Foto des Popstars auf, bleich und leblos auf einer Krankenbahre. Ein Autopsiefoto zeigte den „King of Pop“ nackt auf einem Tuch, sein Intimbereich ist mit schwarzen Balken unkenntlich gemacht. An seinem dünnen Körper sind Verbände und Kanülen angebracht. Tränen flossen, als Staatsanwalt David Walgren an Jacksons Kinder erinnerte. „Paris schrie „Daddy', als sie unter Tränen zusammenbrach“, so malte der Anklagevertreter die Szene im Juni 2009 aus, als Jacksons Tochter Paris ihren Vater leblos in seinem Bett liegen sah. „Für Michaels Kinder geht dieser Fall ewig weiter, weil sie keinen Vater mehr haben“, sagte Walgren mit Grabesstimme. Jacksons Mutter Katherine und seine Schwester La Toya auf der Zuschauerbank wischten sich Tränen weg. Solch emotionale Szenen im Gericht dürften auch die Geschworenen bemerkt haben.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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