US-Börsenfernsehen
Ein Guru auf dem Grill

Jim Cramers Meinung hat Gewicht an der Wall Street, seine Worte bewegen Kurse. Doch die Finanzkrise hat den Mythos des US-Showmasters ins Wackeln gebracht, weil Cramer zu lange den Bullen ritt.

In Jim Cramers Welt gibt es Zeiten für Halleluja-Chöre und Zeiten für die Klospülung. Wer seine Börsensendung "Mad Money" im US-Fernsehen verfolgt (einer Mischung aus Harald-Schmidt-Show und Punkkonzert), hört dieser Tage wenig Halleluja und viele seltsame Geräusche. Nach Witzen ist Cramer, dem lustigsten und bekanntesten Börsen-Guru im Land, aber nicht mehr zumute. Bekannt wurde die Sendung des einstigen Hedge-Fonds-Managers, weil er intimes Wall-Street-Wissen mit Ulk vermischt, sich an ruhigeren Tagen Rastalocken oder andere Kostüme aufsetzt und schon mal Bürostühle aus dem TV-Studio des Senders CNBC wirft. Das war so lange lustig, wie die Zuschauer mit Cramers schrägen Aktientipps Geld verdienten.

Doch seit der Dow Jones die magische 10 000-Punkte-Marke nach unten durchbrochen hat, liegt der Guru auf dem Grill. Zentraler Vorwurf: Der hemdsärmelige Wildwest-Broker mit der Halbglatze hat zu lange den Bullen geritten. Einen Ansturm auf 14 500 Punkte hat er seinen Jüngern im Vorjahr noch prophezeit, obwohl er zwischenzeitlich mal hysterisch "Armageddon" in die Fernsehkameras schrie und Notenbankchef Ben Bernanke als "Akademiker" beschimpfte, der von der Wall Street "keine Ahnung" habe. Nach einem bewegten Lebenslauf vom gescheiterten Harvard-Absolventen zum erfolgreichen Hedge-Fonds-Manager, Bestseller-Autor und Börsen-Guru schwebte Cramer 2007 auf dem Höhepunkt seiner TV-Karriere.

Sein Denkmal begann zu bröckeln, als er kurz vor dem Zusammenbruch von Bear Stearns beteuerte, die Investmentbank sei "just fine". Inzwischen hat der 53-Jährige den Kritikern weiteres Futter geliefert. "Wenn sie Geld in den nächsten fünf Jahren brauchen, nehmen sie es bitte raus aus dem Aktienmarkt, diese Woche!", sagte er zu Wochenbeginn in der "Today"-Show bei NBC. Kurz darauf kippte der Dow Jones erstmals seit 2004 unter die 10 000er-Marke. Mit der Aussage habe er in einem überfüllten Raum "Feuer!" geschrien und Panik geschürt, wird ihm nun vorgehalten: "Das ist nett, Jim! Aber du bist zwölf Monate zu spät", schreibt Kolumnist John Crudele in der "New York Post". Dass sich nun ausgerechnet das bunte Boulevardblättchen der Wall Street damit schmückt, rechtzeitig vor dem Platzen der Blase gewarnt zu haben, sagt einiges aus über die wilden Turbulenzen, die der Finanzmetropole seit Wochen zusetzen.

Schuld am Desaster sind natürlich die Bankenchefs, deren Gehaltstabellen bald in jeder Zeitung zu lesen waren; aber auch Cramer, der Bulle, gibt einen guten Schwarzen Peter her. Der rudert nun ganz ruhig und auf allen Kanälen zurück, zum Teil sind es seine eigenen wie "TheStreet.com" - ein Finanzportal, das Cramer in der Boomzeit der New Economy an die Börse brachte.

In einem aktuellen "Street"-Video beteuert Cramer, er habe sehr wohl vor der Krise gewarnt und zum Reduzieren von Aktienpositionen geraten: "Ich habe gesagt, nehmt 20 Prozent raus! Aber keiner hat mir zugehört."

Ganz darf er freilich nicht von den Aktientipps nicht lassen, das zerstörte schließlich sein Geschäftsmodell, das etwa 7 000 Empfehlungen pro Jahr ausspuckt. Seine aktuellen Aktientipps: Frontline Limited, Nordic American Tanker Shipping, John Deere und Anadarko Petroleum - neben anderen.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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