US-Präsident kündigt langfristiges Engagement an
Bush gibt Startschuss für Wiederaufbau

US-Präsident George W. Bush hat einen tiefgreifenden Wiederaufbau-Plan für die Krisenregion an der Golf-Küste Amerikas angekündigt.

NEW YORK. „Es ist ein langfristiges Projekt, den Menschen zu helfen", sagte Bush bei seinem zweiten Besuch im Katastrophengebiet rund um New Orleans. Nach Ansicht von Beobachtern wollte der Präsident damit auch der anhaltenden Kritik am mangelhaften Krisenmanagement der Behörden begegnen. Die Gouverneurin von Louisiana, Kathleen Blanco forderte einen „Marshall-Plan“, mit dessen Hilfe die Bürger ihres Bundesstaates die Region selbst wieder aufbauen könnten.

An Vorschlägen für den Wiederaufbau mangelt es nicht. Die einen wollen New Orleans zu einer steuerbegünstigten Wirtschaftszone erklären, andere fordern einen milliardenschweren Hilfsfonds wie es ihn zuletzt nach den Terroranschlägen vom 11. September gegeben hat. Ein Wiederaufbau-Beauftragter ist ebenso in der Diskussion wie ein spezielles Arbeitsbeschaffungsprogramm für die Betroffenen. Umweltschützer verlangen zudem die Wiederherstellung von mehr als 400 000 Hektar Marschland rund um New Orleans, das früher als natürlicher Küstenschutz diente.

Nach dem Willen von Bush soll die staatliche Hilfe in erster Linie den schwarzen und ärmeren Bevölkerungsteilen zu Gute kommen, die am stärksten von der Katastrophe betroffen sind. Die Erfahrungen mit ähnlichen Desastern zeigen jedoch, dass gerade die Ärmeren am wenigsten von den Wiederaufbauhilfen profitieren. „Vieles von dem, was die untere Mittelschicht jetzt braucht, kommt zuletzt – wenn sich jemand überhaupt darum kümmert“, sagte Hurrikan-Experte Tim Chapin von der Florida State University dem Wall Street Journal. So kommt der Wiederaufbau von Mietswohnung erfahrungsgemäß deutlich langsamer voran, als der Bau oder die Reparatur von Eigenheimen.

Eine ungewöhnliche Idee kommt von dem Stararchitekten Daniel Libeskind, der sich mit dem Jüdischen Museum in Berlin und dem Entwurf für den Freedom Tower in New York einen Namen gemacht hat. Libeskind schlägt vor, für die mehr als eine Million obdachlos Gewordenen Billighäuser zum Preis von maximal 3700 Dollar zu bauen. Eine Idee, die der Architekt bereits für Tsunami-Opfer in Sri Lanka umgesetzt hat. Das feucht-heiße Klima in den Südstaaten führt dazu, dass die Massenunterbringung in Zelten nur begrenzt möglich ist. Die Behörden haben deshalb bereits drei Kreuzfahrtschiffe als Notunterkünfte in die Region beordert.

Erschwert wird die Lage für die Ärmeren dadurch, dass viele Kleinbetriebe und mit ihnen die Arbeitsplätze in den Fluten versunken sind. Um einen Ausgleich zu schaffen, hat die US-Regierung einen Großteil der Jobs, die für die Aufräum- und Wiederaufbauarbeiten notwendig sind, für die Bewohner der Region reserviert. Arbeitsministerin Elaine Chao hat dafür 160 Mill. Dollar zur Verfügung gestellt.

Kevin Hassett vom American Enterprise Institute (AEI) in Washington warnt jedoch davor, schnelle Erfolge zu erwarten. Zwar hätten sich die meisten Wirbelstürme in der Vergangenheit unterm Strich sogar positiv auf die Wirtschaft ausgewirkt. Katrina sei jedoch ein Sonderfall. „Der Hurrikan hat die Produktion von Öl, Gas und Elektrizität erheblich beschädigt“, schreibt Hassett. Außerdem habe er wichtige Verkehrsknotenpunkte wie den Hafen von New Orleans lahm gelegt. Bestätigt werden die Befürchtungen Hassetts von der Energiewirtschaft. Nach ersten Schätzungen der Küstenwache sind im Golf von Mexiko 29 Ölbohrinseln verloren gegangen und 20 weitere beschädigt worden. 70 Prozent der Ölproduktion und mehr als die Hälfte der Gasförderung liegen noch brach. Nicht besser sieht es bei den Ölraffinerien aus. Zehn Prozent der gesamten US-Kapazitäten wurden durch den Sturm lahm gelegt. Nur die Hälfte davon wird in den nächsten Tagen wieder normal arbeiten, der Rest könnte noch Monate brach liegen.

Die Führer im US-Kongress denken deshalb bereits darüber nach, die hohe Konzentration der Ölindustrie in der Golf-Region zu verringern. Dazu müssten neue Fördermöglichkeiten und Raffinerien in anderen Regionen geschaffen werden. Bislang sind solche Pläne jedoch immer am lokalen Widerstand gescheitert. Seit 30 Jahren wurde in den USA keine neue Raffinerie mehr gebaut.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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