USA
Kalifornien: Mord in der Kirche

Große Bestürzung in den USA: Eine Lehrerin soll in der Stadt Tracy in Kalifornien, eine Schülerin und Spielkameradin ihrer Tochter geschändet und getötet haben. In der Stadt will keiner begreifen, dass eine Kindsmörderin unter ihnen weilt.

TRACY/SAN FRANCISCO. Als die achtjährige Sandra mit dem niedlichen, pinkfarbenen "Hallo Kätzchen"-T-Shirt verschwand, nahm die Jagd nach dem Mörder ungewöhnlich schnell ein Eigenleben an. Einen Tag, nachdem die Mutter am 27. März die Vermisstenanzeige aufgegeben hatte, war Tracy, eine 78 000 Einwohner zählende Stadt in Nord-Kalifornien, nicht wieder zu erkennen. Über die ganze Stadt hatten Verwandte, Bekannten und Fremde "Vermisst"-Poster aufgehängt und alle zeigten ein freundlich lächelndes und mit rehbraunen Augen gesegnetes Gesicht. Sämtliche Details aus ihrem jungen Leben wurden vor den unzähligen TV-Kameras und den neugierigen Augen der Medienleuten ausgebreitet. Ihre Liebe fürs Kochen und für Gärten und ihre Lieblingsserie "Hannah Montana" wurden der ganzen Nation ausgestellt. Für die Medienmeute wurden mobile Toiletten und Toilettenhäuschen aufgestellt. Niemandem sollte entgehen, dass hier in Tracy eine freundliche, mitfühlende Gemeinde die befürchtete Schandtat eines jener gemeinen Killers anprangern wollte, die die Nation regelmäßig in Atem halten.

Alles war umsonst. Denn alles war anders. Wie sich jetzt herausstellt, wurde Sandra Cantu ermordet und geschändet, noch bevor ihre Mutter, die mit ihren Eltern und ihrer Kleinen in einem "Mobile-Home" wohnt, das Verschwinden von Sandra melden konnte.

Das konnte niemand wissen, der die Trauergarde voller ausgestopfter Tiere und Blumen in der Nähe des Wohnwagens, in dem die Kleine lebte, besucht hat. Und keiner konnte auch nur ahnen, dass dieser böse Mordfall so ganz anders als alle jene Verbrechen war, die ganz Amerika Tag für Tag entsetzen. Denn hierzulande hat man sich arrangiert mit den alltäglichen Meldungen über arbeitslos gewordene Asiaten, die im Amoklauf ihre Familie oder ihre Nachbarn auslöschen. Allzu oft sind die Nachrichten voll mit Meldungen auch über psychisch gestörte und obdachlose Männer, die die Kontrolle über Geist und Körper verlieren und unzählige Leben in der Nachbarschaft auslöschen. Oder die, wie zuletzt in Oakland, vier oder mehr Polizisten erschießen, weil sie um Teufels Willen nicht mehr zurück in den Knast wollen.

Das einzige Detail, das den mutmaßlichen Täter mit so vielen Gewaltverbrechen in den USA zu verbinden scheint, ist die Tatsache, dass der Katastrophe eine Scheidung, eine gescheiterte Alleinerziehung und ein Leben in tiefer, aber nicht wahrgenommener Entfremdung und Depression vorausging. Doch was die Leute, meist Farmer, in Tracy am meisten in Entsetzen versetzt, ist die Tatsache, dass der Täter allen Klischees und allen Stereotypen widerspricht, die sich Amerika von typischen Kindsmördern macht und sie in einer trügerischen, ja mörderischen Gewissheit lässt. Denn der Täter ist eine Täterin, ist eine Frau, eine Lehrerin einer Sonntagsschule, eine Mutter. Kein männlicher Sittenstrolch mit ellenlangen einschlägigen Vorstrafen, kein Knacki, der aus der Unterwelt von St. Quentin oder Stockton in die lichte Welt von Tracy emporgestiegen war. Sondern: eine Mutter, deren fünfjährige Tochter fast täglich mit Sandra spielte, die in Melissa Huckabys Heim ein- und ausging - und sogar zusammen regelmäßig die sonntägliche Kirche besuchte.

Und was in der ländlichen Region voller Farmhäuser überhaupt niemand glauben will, lässt die Polizei und das FBI an diesem Osterwochenende durchsickern: Melissa Huckaby soll die kleine Sandra, die ihre Schülerin war, angeblich in der Kirche "mit einem fremden Gegenstand" erst geschändet und dann ermordet haben.

In der vor Gewaltverbrechen nicht armen Welt der Amerikaner sorgen alle diese Fakten für horrendes Entsetzen und tiefe Verwirrung. Nach gängigen Statistiken des FBI und von Kinderorganisationen sind 96 Prozent der Entführer und Mörder von Kindern Männer. 75 Prozent der jungen Opfer werden bereits in den ersten drei Stunden nach der Entführung umgebracht und die Mehrzahl der Kindermörder kommen aus dem engsten Bekanntenkreis.

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