Verhüllungs-Debatte
Chinas Omas lieben den Facekini

Frankreich streitet um den Burkini. Chinesen können das nicht nachvollziehen. Verhüllen am Strand ist dort wichtig für blasse Haut. Doch die sogenannten „Facekinis“ erfüllen eigentlich einen ganz anderen Zweck.

PekingDer Sand ist weiß, das Meer ist blau: Das sind die Markenzeichen von Qingdao. Die ostchinesische Hafenstadt ist das Traumziel für chinesische Strandurlauber. In den Sommermonaten ist fast jeder Quadratzentimeter an den beliebtesten Küstenabschnitten besetzt.

Doch im Gegensatz zu Europa gibt es hier nur wenige, die den Strandausflug für ein Sonnenbad nutzen. Gerade Frauen versuchen möglichst wenig Sonne abzubekommen. Mit Schirmen schützen sie sich an Land. Und auch für das Wasser bieten chinesische Schwimmausrüster eine Lösung: den Facekini.

Gerade für chinesische Frauen gilt weiße Haut als ein Schönheitsideal. Vornehme Blässe ist ein Statussymbol. Die helle Haut soll eine hohe Herkunft ausdrücken. Wer reich ist, kann es sich leisten, sich vor der Sonne zu schützen. Arbeiterinnen müssen hingegen auch draußen in der Sonne schuften. So gilt das Klischee. In Supermärkten können Hautcremes mit Weißmacher ganze Regale füllen. Selbst an heißen Sommertagen tragen manche Chinesinnen Armhauben und Handschuhe, um nicht braun zu werden.

Der Facekini hebt diesen Trend jedoch auf eine neue Stufe. Die Gesichtsmasken sind in der einfachsten Version schon für umgerechnet 1,40 Euro zu haben. Höherwertige Ausgaben können schnell Dutzende Euros kosten.

Die Masken haben Zhang Shifan berühmt gemacht. Die ehemalige Buchhalterin habe die „Facekinis“ ursprünglich als Schwimmausrüstung entwickelt. „Sie sollte Quallen abhalten“, erzählte Zhang der südchinesischen Zeitung „Guangzhou Ribao“. „Stiche von Quallen sind sehr schmerzhaft und können böse Narben hinterlassen.“ Fast alle Körperstellen ließen sich gut mit Schwimmanzügen schützen, jedoch nicht das Gesicht. Das habe sie auf die Geschäftsidee gebracht.

Zhang ließ 2004 die ersten Facekinis produzieren. Doch sie waren ein Flopp. „Sie waren zu teuer und niemand konnte etwas damit anfangen“, sagte sie. Umgerechnet 4,50 Euro seien den Strandbesuchern damals zu viel gewesen. Doch dann habe sie mit neuen Farben experimentiert und ihr Sortiment auch auf Motive wie Masken der Peking-Oper erweitert. Heute gelten die Masken als besonders beliebt bei älteren Damen. Mehrere zehntausend Masken verkauft Zhang im Jahr.

Doch auch in China sind sie umstritten. Im Internet ernten Bilder von Frauen mit Facekini immer wieder gehässige Kommentare. „Die sehen doch wie Monster aus“, schreibt ein Nutzer auf dem Mikroblog Weibo. Eine andere Nutzerin sagt: „Das würde ich niemals tragen.“ Andere brandmarkten die Trägerinnen als „Facekini-Omis“. Wer die Masken trage, habe keinen Sinn für Stil und müsse geistig zurückgeblieben sein, polterten Nutzer.

Es ist völlig normal, dass neue Produkte auf Ablehnung stoßen, meint Wang Ning, Soziologieprofessor an der Zhongshan Universität. „Natürlich muss so ein Produkt nicht jedem gefallen. Aber es ist gemein, wenn Trägerinnen für ihre Gesichtsmasken diffamiert werden“, sagt der Soziologe der „Guangzhou Ribao“. Wang appellierte, Toleranz nicht Arroganz müsse den Trägerinnen der Facekinis entgegengebracht werden. Egal wie man zu den Masken stehe.

Stephan Scheuer ist China-Korrespondent des Handelsblatts. Quelle: Mirela Hadzic für Handelsblatt
Stephan Scheuer
Handelsblatt / Korrespondent China
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