Verschwundene Studenten in Mexiko
„Wie Schafe zur Schlachtbank“

Das Verschwinden Dutzender Studenten hat das Vertrauen in den mexikanischen Staat tief erschüttert. Die Eltern der Vermissten wollen endlich Antworten. Der Präsident stellt erst jetzt einen Plan auf. Niemand glaubt ihm.
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Mexiko-StadtEmiliano Navarrete ist den Tränen nahe. „Es macht mich traurig, nach Hause zurückzukehren und meinen Kindern wieder sagen zu müssen, dass ich immer noch nicht weiß, wo ihr Bruder ist“, sagt der hagere Mann mit brüchiger Stimme. Fast fünf Stunden hat er sich in der offiziellen Residenz Los Pinos die Beteuerungen und Versprechen des mexikanischen Präsidenten Enrique Peña Nieto angehört, aber er glaubt ihm kein Wort.

Seit über einem Monat ist sein Sohn José Ángel verschollen. Der Student des linksgerichteten Lehrerseminars Ayotzinapa wollte mit Kommilitonen in der Stadt Iguala Geld sammeln. Auf dem Rückweg wurden sie von der Polizei angegriffen, festgenommen und offenbar Mitgliedern der lokalen Verbrecherbande „Guerreros Unidos“ übergeben. Seit dem 26. September fehlt von den jungen Leuten jede Spur.

„Die Studenten sind nicht verschwunden, sie wurden von Uniformierten verschleppt“, sagt Navarrete bei einer Pressekonferenz nach dem Treffen mit dem Staatschef am späten Mittwochabend (Ortszeit). „Wir sind keine Schafe, die man zur Schlachtbank führt, wenn einem gerade der Sinn danach steht.“

Das grausame Verbrechen von Iguala hat nicht nur die engen Verflechtungen zwischen Lokalpolitik, Polizei und organisiertem Verbrechen in den Fokus gerückt. Es hat vielen Menschen in Mexiko auch den letzten Glauben an den Staat genommen. „Wir haben dem Präsidenten gesagt, dass wir seiner Regierung nicht vertrauen“, sagt der Sprecher der Opferfamilien, Felipe de la Cruz.

Bei dem Treffen in der Residenz prallen zwei Welten aufeinander. Auf der einen Seite arme Bauern aus der gefährlichsten Region des Landes in karierten Baumwollhemden und Cowboyhüten, auf der anderen Seite der telegene Präsident, der aus einer der einflussreichsten Familien des Landes stammt.

Peña Nieto ist seit seinem Amtsantritt vor fast zwei Jahren darum bemüht, Mexiko als modernes und aufstrebendes Schwellenland zu positionieren. Horrorgeschichten aus dem Herzen der Finsternis passen dem agilen Staatschef gar nicht in den Kram. Wochenlang schwieg er, doch irgendwann konnte Peña Nieto die Tragödie nicht länger ignorieren.

Tausende Bundespolizisten fahnden seit Wochen im Bundesstaat Guerrero nach den Vermissten, zahlreiche Verdächtige wurden festgenommen, doch von den Studenten fehlt weiterhin jede Spur. „Nach 33 Tagen des Leids sind wir verzweifelt“, sagt Epifanio Álvarez, der seinen Sohn vermisst. „Es ist, als ob man sich über uns lustig macht.“

Der Präsident stellt sich gleich nach dem Treffen in Los Pinos vor die Mikrofone und verkündet einen Zehn-Punkte-Plan, auf den er sich mit den Familien der Vermissten geeinigt hat. Die Suche werde verstärkt und die Ermittlung transparenter. „Das Verbrechen wird nicht ungesühnt bleiben“, sagt der Staatschef.

Die Angehörigen hingegen ringen vor Enttäuschung, Verzweiflung und Wut mit den Worten. „Der Staat tut angeblich alles, aber wir haben nichts“, sagt De la Cruz. „Wir glauben den Worten des Präsidenten nicht, solange er uns die 43 nicht lebend zurückbringt.“

Kaum jemand in Mexiko geht davon aus, dass die jungen Leute noch am Leben sind. Die Familien aber wollen die Hoffnung nicht aufgeben. „Lebend habt ihr sie uns gekommen, lebend wollen wir sie zurück“, skandieren die Eltern, Geschwister und Kommilitonen nach ihrem Treffen mit dem Präsidenten.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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