Virusinfektion
Neue Grippe greift in Japan um sich

Die Weltgesundheitsorganisation muss möglicherweise schon bald die nächste Pandemiestufe ausrufen, denn Japan gelingt es nicht, die neue Grippe aufzuhalten. Infiziert haben sich hauptsächlich Oberschüler - beim Volleyball.

TOKIO. Wie im Katastrophenfilm: Am Bahnhof der Hafenstadt Kobe fahren manchmal minutenlang nur Gestalten mit chirurgischen Masken auf der zentralen Rolltreppe des angeschlossenen Einkaufszentrums. "Meine Firma hat mich aufgefordert, jetzt öfter so ein Ding zu tragen. Wir wollen nicht wegen Infektionen unser Büro schließen müssen", sagt ein Büroangestellter dem Fernsehsender Fuji TV. Japan steigert sich in Alarmstimmung hinein, denn seit vergangener Woche weisen die Gesundheitsbehörden täglich Dutzende neuer Grippefälle nach.

Wenn die Seuche in Japan weiter so um sich greift wie bisher, könnte dies ein Anlass für die Weltgesundheitsorganisation WHO sein, weltweit Alarm zu geben und die Pandemiestufe von bisher fünf auf sechs anzuheben. Voraussetzung dafür ist ein Ausbrauch in einer zweiten Weltregion neben Nordamerika - etwa in Asien. Die Mehrzahl der Fälle war bisher aus Mexiko oder den USA importiert, wo fast 9000 Menschen an der neuen Grippe erkrankt sind. "Japan sieht definitv eine Übertragung von Mensch zu Mensch", sagte Hitoshi Oshitani, ein Berater der Weltgesundheitsorganisation. "Die WHO wird die Fälle in Japan bei der Einschätzung der Lage berücksichtigen müssen."

Vor zwei Wochen sind vier Schüler mit dem neuen Grippevirus H1N1 im Körper aus Kanada nach Japan zurückgekehrt - und seitdem verbreitet sich die Krankheit in dem hygiensichen Industrieland erstaunlich schnell. Vor vier Tagen waren dreißig Fälle belegt, am Wochenende sechzig, am heutigen Dienstag ging die Zahl auf 147 hoch. Experten sehen eine Erklärung für die rasche Ausbreitung in der hohen Bevölkerungsdichte. Sie rechnen mit einer weiteren Verbreitung, zumal sich auch eine 50-jährige Kioskverkäuferin als infiziert erwiesen hat. Die Bahngesellschaft hat sämtliche Verkaufsstellen am Montag schließen lassen.

"Das Virus könnte schon heute oder morgen die Megametropole Tokio erreichen", sagte Hitoshi Kamiya, der Vorsitzende der Nationalen Impfkommission. Er zweifelt an der Wirksamkeit der weit verbreiteten Versuche, einer Ansteckung vozubeugen. "Die meisten der handelsüblichen Masken bieten gar keinen kompletten Schutz. Das Virus ist klein genug, um da durchzuschlüpfen." Immerhin wehrten die Masken die größeren Tröpfchen ab, wenn jemand in der Umgebung niese. Kamiya beruhigt seine Landsleute dagegen mit dem Hinweis, dass H1N1 nicht gefährlicher sei als die übliche echte Grippe. Bisher ist denn auch noch niemand durch das Virus in Lebensgefahr geraten.

Die meisten Infizierten sind Oberschüler, die sich möglicherweise bei einem Volleyballtournier angestellt haben. Die einzige Verbindung zwischen den Grippenestern wirkt zugleich besonders plausibel: Alle Schüler haben in Teams gespielt, in denen sich sich Kontaktpersonen der ursprünglichen vier infizierten Schüler befanden. Japan macht sich bereits Sorgen, dass die Teilnehmer des Tourniers jetzt Schuldgefühle bekommen könnten, weil sie die Verbreitung der Grippe gefördert haben.

Die Regierung rief die Bevölkerung auf, ruhig zu bleiben, aber häufig die Hände zu waschen. "Wir ergreifen alle nötigen Maßnahmen, um die Sicherheit der Bevölkerung aufrecht zu erhalten", versprach Kabinettsekretär Takeo Kawamura. Die Präfektur Hyogo, in der Kobe liegt, hat sämtliche Schulen geschlossen und lässt alle Schüler auf das neue Virus überprüfen. Auch in der Nachbarpräfektur Osaka sind Schulen geschlossen, so dass an 4043 Institutionen kein Unterricht stattfindet. Da Kindergärten ebenfalls schließen, sind arbeitende Mütter in der Region gezwungen, zuhause zu bleiben. In den Supermärkten decken die Einwohner von Kobe sich mit haltbarer Nahrung ein, falls sie wegen der Grippe nicht mehr vor die Tür können.

Die Japaner ziehen ohnehin oft Atemmasken an. Einerseits gilt es als höflich, seine Umgebung nicht mit Bazillen und Viren zu verseuchen. Andererseits wollen die Leute damit eine eigene Ansteckung verhindern. In einem ganz normalen U-Bahnwagen sitzen in jedem Winter zwei, drei Fahrgäste mit Masken. Keiner beachtet sie sonderlich - es gehört zum Stadtbild. Nicht so das, was jetzt in den Kobe und seinen Nachbarstädten los ist. Hier haben komplette S-Bahn-Wagen geschlossen die Masken an. Am Tokioter Großflughafen Narita trägt das gesmate Personal den Atemschutz - und etwa ein Fünftel der Fluggäste und Besucher.

Die Hauptsorge gilt den Schülern in Kobe, doch die 30 Millionen Bewohner der Hauptstadtregion Tokio fühlen sich keineswegs sicher. "Das Virus braucht nur so lang wie die Fahrt des Schnellzugs Shinkansen von Kobe hierher", sagt Taku Matsumoto, ein junger Angestellter. Die Zugverbindung in die Hauptstadtregion dauert nur zwei Stunden und 45 Minuten.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
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