Vogelgrippe auf Rügen
Ultimatum aus der warmen Stube

Weil ihnen das Einsammeln der toten Vögel auf Rügen nicht fix genug geht, haben sich Bundesagrarminister Horst Seehofer und sein Schweriner Kollege Till Backhaus darauf verlegt, sich über die dortigen Behörden zu empören. Nur: Die Realität auf der Ostseeinsel hat wenig gemein mit den ministeriellen Ferndiagnosen.

HB BERGEN. Die Landrätin des Landkreises Rügen, Kerstin Kassner, sagte am Freitagmorgen, die Behörden sähen sich außer Stande, die vom Land Mecklenburg-Vorpommern gesetzte Frist gesetzte Frist zum Einsammeln aller toten Vögel einzuhalten. Landesagrarminister Backhaus (SPD) hatte verlangt, dass bis Freitag 10 Uhr alle verendeten Wildvögel weggeschafft werden. Kassner sagte dazu: „Das Absammeln der Tiere vom Eis, von der Steilküste, wie kommen wir da heran? Ich weiß es nicht, aber wir werden uns im Laufe des Tages etwas überlegen.“ Die Bundeswehr prüfe, ob sie helfen könne.

Die Landrätin argumentierte, auch müssten die Menschen geschützt werden, die die toten Tiere einsammeln. „Ich sehe nicht ein, dass ich das Risiko eingehe, dass sich Menschen, die nicht vorbereitet sind auf den Einsatz, in Gefahr begeben.“ Mit üblichen Atemschutzmasken sei das nicht zu machen. Gesundheitsamtsleiter Jörg Heusler erklärte, dass die hohe Zahl an Erregern in den Wildvögeln einen erhöhten Schutz mit Masken erfordere. Solche Spezialmasken seien angefordert worden.

Der Schweriner SPD-Bundestagsabgeordnete Hans-Joachim Hacker pfichtete Kassner bei. „Das ist eine Kritik aus der warmen Berliner Stube, die sich leicht anlässt, wenn man die Verhältnisse vor Ort nicht kennt“, sagte er. Kritikern wie Seehofer (CSU) warf er „Panikmache“ vor. Es würden alle nötigen Maßnahmen ergriffen, die eine Gefahr für die Bevölkerung eindämmen könnten.

Seehofer hatte den Behörden auf Rügen schwere Versäumnisse im Umgang mit den Vogelgrippe-Fällen vorgehalten. „Der schönste Notfallplan hilft nichts, wenn er in der Praxis nicht konsequent angewandt wird“, sagte der CSU-Politiker. Seit Jahren gebe es entsprechende Notfallpläne und Übungen. Es sei ihm „unerklärlich“, wie der zuständige Kreis dennoch so lange brauchen konnte, um auf Rügen die toten Schwäne wegzuschaffen. Der Bund mache zwar die „rechtlichen Regeln“, für den Vollzug seien aber die Landkreise und Bundesländer zuständig, sagte Seehofer.

Auf Rügen sind bislang insgesamt 13 tote Vögel gefunden worden, wobei in drei Fällen das hochpathogene Virus H5N1 zweifelsfrei nachgewiesen wurde. In den übrigen zehn Fällen fiel der Schnelltest des Friedrich-Loeffler-Instituts auf der Ostseeinsel Riems positiv.Die neuen positiven Proben auf Rügen betreffen sechs Höckerschwäne, drei Singschwäne und eine Gans. Alle Tiere stammten aus der Umgebung von Wittower Fähre, wo auch zwei der ersten drei Fälle aufgetreten waren. Dort waren zwei Höckerschwäne gefunden worden; im wenige Kilometer entfernten Dranske schließlich ein toter Habicht.

Nach Ansicht von Forschern besteht für Menschen in Deutschland trotz der festgestellten Todesfälle von Vögeln keine akute Gefahr. Maßnahmen wie die Stallpflicht und das Anleinen von Hunden seien aber sinnvoll, sagte der Biochemie-Professor Wolfgang Garten vom Institut für Virologie in Marburg.

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