Vorwurf fahrlässige Tötung
Ein Jahr nach Transrapid-Unglück: Drei Mitarbeiter angeklagt

Knapp ein Jahr nach dem Transrapid-Unglück mit 23 Toten in Niedersachsen, hat die Staatsanwaltschaft Osnabrück drei Mitarbeiter wegen fahrlässiger Tötung in Tateinheit mit fahrlässiger Körperverletzung angeklagt. Der beschuldigte Fahrdienstleiter befindet sich laut seinem Anwalt seit dem Unglück in psychiatrischer Behandlung.

HB OSNABRÜCK. Das Ermittlungsverfahren wurde gegen den Fahrdienstleiter und die Betriebsleitung der Teststrecke in Lathen eröffnet. Die drei Männer hätten sich der fahrlässigen Tötung in 23 Fällen und der fahrlässigen Körperverletzung in 11 Fällen schuldig gemacht. Der Fahrdienstleiter habe den Transrapid fahren lassen, obwohl die Strecke nicht frei war. „Er hat seine Sorgfaltspflicht verletzt“, sagte der ermittelnde Staatsanwalt Jörg Schröder am Donnerstag in Osnabrück. Er hätte das Unglück etwa mit dem Einlegen einer elektronischen Fahrwegsperre verhindern können. Dem Betriebsleiter und seinem Vorgänger wird vorgeworfen, notwendige verbindliche Vorschriften zur Handhabung der elektronischen Sperre nicht erlassen zu haben.

Der Transrapid war mit Touristen an Bord bei einer Messfahrt mit Tempo 160 auf einen Werkstattwagen geprallt, der noch auf der Strecke stand. „Das Fahrzeug war schlicht und einfach vergessen worden“, sagte Schröder. „Hätte der Fahrdienstleiter ordnungsgemäß gearbeitet, wäre der Unfall mit Sicherheit nicht passiert“. Vorhandene und bekannte Sicherheitstechnik sei nicht genutzt worden. Dem Betriebsleiter und seinem Vorgänger sei vorzuwerfen, dass die Vorschriften hinsichtlich der Leittechnik und der Fahrwegsperre nicht hinreichend geregelt waren. „Sie haben andere Schwerpunkte gesetzt“, sagte Schröder. Die Ermittlungen gegen Mitglieder des Managements der Betreibergesellschaft IABG (Ottobrunn) sowie gegen einen zweiten Leitstand-Mitarbeiter seien eingestellt worden. Ihnen sei keine Schuld nachzuweisen.

Der Fahrdienstleiter befindet sich nach Angaben seines Verteidigers seit dem Unfall in psychiatrischer Behandlung. Ein Ende der Behandlung sei nicht abzusehen. „Bis es zu einem Prozess kommt, kann es Jahre dauern“, sagte Rechtsanwalt Jürgen Restemeier der dpa mit Blick auf die Verhandlungsfähigkeit seines Mandanten. Der Prozess werde schwierig, weil auch das Verhalten des bei dem Unfall getöteten Fahrzeugführers, der „sehenden Auges“ und ohne zu Bremsen in das Hindernis gerast sei, in die Beantwortung der Schuldfrage mit einbezogen werden müsse. Oberstaatsanwalt Hubert Feldkamp sagte, der Anklagebehörde sei klar, dass es sich bei den drei Angeklagten um „ganz normale Menschen“, handele. „Wir verfolgen hier keine Verbrecher.“ Das Unglück tue den Betroffenen unendlich leid.

Der Verteidiger des früheren Betriebsleiters, Prof. Reinhold Schlothauer, sagte, die Vorwürfe gegen die Betriebsleitung seien unbegründet. Es habe ein Sicherheitskonzept gegeben, das mehr als 20 Jahre lang funktioniert habe. Am Unglückstag habe das doppelte Sicherheitssystem, das aus einem Vier-Augen-Prinzip sowohl im Leitstand als auch bei den Fahrzeugführern im Transrapid selbst bestand, aus unerklärlichen Gründen versagt. Schlothauer wirft der Staatsanwaltschaft vor, zu früh Anklage erhoben und einen fristgerecht eingereichten Schriftsatz der Verteidigung nicht mehr berücksichtigt zu haben. „Dies ist eine Verletzung des grundgesetzlichen Anspruchs auf rechtliches Gehör“, heißt es in einem Schreiben seiner Kanzlei. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wurde der Schriftsatz berücksichtigt.

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