Waldbrände
Chaos im Flammenmeer von Athen

Am dritten Tag der Feuerstürme nordöstlich der griechischen Hauptstadt Athen zeichnet sich eine Wende ab: Nachdem sich die Feuerfronten seit Samstag ständig ausgeweitet hatten, zeigen der massive Einsatz von Löschflugzeugen und abflauende Winde erstmals Wirkung.

ATHEN. "Die Brände dauern an, aber sie sind nicht mehr so heftig wie in den vergangenen Tagen", sagte Feuerwehrsprecher Giannis Kapakis. Mit 16 Löschflugzeugen und neun Hubschraubern, darunter auch Maschinen aus Italien, Frankreich, Zypern und der Türkei, bombardierte die Feuerwehr die Flammen mit Löschwasser. Zugleich wurde Kritik am schlechten Krisenmanagement der griechischen Behörden laut.

Für den morgigen Dienstag erwarteten die Meteorologen weiter abflauende Winde. Für eine Entwarnung sei es jedoch noch zu früh, betonte der Athener Regierungssprecher Evangelos Antonaros. Ein Experte warnte im Fernsehen: "Wenn die Winde wieder stärker werden, könnten die Brände jederzeit neu angefacht werden und völlig außer Kontrolle geraten."

Am Boden kämpfen über tausend Feuerwehrleute, Soldaten und freiwillige Helfer gegen die Flammen. Viele von ihnen sind bereits seit Samstag im Einsatz, haben seither nur stundenweise etwas Schlaf gefunden und sind der Erschöpfung nahe. Die gefährlichsten Feuerfronten wüten bei der Ortschaft Porto Germenos, beim historischen Marathon und in der Nähe des Küstenvororts Nea Makri. Daneben lodern Flammen an rund 140 kleineren Brandherden. Das Brandgebiet umfasst inzwischen fast 200 Quadratkilometer - eine Fläche von der Größe Stuttgarts.

Über die Schäden, die das Feuer bisher angerichtet hat, gibt es nicht einmal annähernde Schätzungen. Während in griechischen Medienberichten von bis zu 200 abgebrannten Häusern die Rede ist, sagte Regierungssprecher Antonaros, die tatsächliche Zahl sei "viel kleiner". Auch viele landwirtschaftliche Anbauflächen wurden ein Raub der Flammen. Über Entschädigungen für die Betroffenen will die Regierung entscheiden, wenn die Brände endgültig gelöscht sind und eine Bestandsaufnahme vorliegt. Schon jetzt absehbar sind aber gravierende Folgen für die Umwelt. Die abgebrannten Wälder galten als "grüne Lunge" der Viermillionenstadt Athen. Der Athener Präfekt Giannis Sgouras sprach von einer "massiven ökologischen Katastrophe".

Wie schon bei den verheerenden Waldbränden, die auf den Tag genau vor zwei Jahren auf dem Peloponnes wüteten, zeigten sich auch diesmal Probleme bei der Koordination der Brandbekämpfung. In verzweifelten Telefonaten flehten vom Feuer eingeschlossene Menschen bei den Athener Rundfunksendern um Hilfe; Bürgermeister der bedrohten Gemeinden riefen über das Radio nach der Feuerwehr. Wie 2007 scheint es auch diesmal keine Pläne für eine geordnete Evakuierung der gefährdeten Ortschaften gegeben zu haben. Auf den Straßen in der Brandregion herrschten jedenfalls Chaos und Konfusion. Anders als vor zwei Jahren, als fast 70 Menschen in den Flammen starben, gab es diesmal zumindest bisher keine Toten - "ein Wunder", wie Feuerwehrexperten sagen.

In die Kritik kommt die Regierung nun aber wegen Versäumnissen beim Brandschutz. Die Umweltorganisation WWF warf den griechischen Behörden "fortlaufendes Versagen in der Brandprävention" vor. Die aktuellen Brände seien deshalb "nur eine Frage der Zeit" gewesen. "Leider wurden aus der Lektion des Jahres 2007 keine Lehren gezogen", kritisiert WWF-Direktor Dimitris Karavellas.

Weil die meisten staatlichen Wälder nicht bewirtschaftet werden, gibt es vielerorts weder Brandschneisen, die ein Feuer stoppen könnten, noch Wirtschaftswege für die Löschfahrzeuge. Der WWF kritisierte auch, die Löscharbeiten seien in Griechenland "sehr schlecht organisiert". Außerdem fehle ein flächendeckendes Netz von Wasserzugängen. Nach Angaben des WWF haben sich die jährlichen Waldbrandschäden im Mittelmeerraum seit 1960 vervierfacht. Für die kommenden Jahre prognostiziert die Organisation eine weitere Verschlimmerung der Situation.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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