Warnungen vor 2008
Afghanistan erlebt schlimmstes Jahr seit Taliban-Sturz

Seit dem Sturz der Taliban sind in Afghanistan in keinem anderen Jahr mehr Menschen gewaltsam ums Leben gekommen als 2007. Mit rund 6000 Opfern wurden am Hindukusch bis Ende November bereits 50 Prozent mehr Tote gezählt als im gesamten Vorjahr. Mehr Verluste als je zuvor mussten auch die ausländischen Truppen hinnehmen, die schon lange vor Jahresende über 200 Tote zu beklagen hatten.

HB NEU DELHI/KABUL. Die wachsende Gewalt hat vor den Deutschen nicht haltgemacht. 2007 wurden am Hindukusch so viele Bundesbürger ermordet wie nie zuvor. Experten sagen für das kommende Jahr keine Besserung der Lage voraus - im Gegenteil. Im vergangenen März wird erstmals in Afghanistan ein deutscher Entwicklungshelfer ermordet. Zwei Monate später reißt ein Selbstmordattentäter in Kundus drei deutsche Soldaten und acht Zivilisten mit in den Tod.

Im Sommer kommt es zur ersten Entführung eines Deutschen, die nach wenigen Tagen unblutig beendet wird. Zwei Wochen später werden die Ingenieure Rüdiger Blechschmidt und Rüdiger Diedrich verschleppt. Die Entführer erschießen Diedrich. Blechschmidt kommt erst nach 85 Tagen Geiselhaft frei.

Im August sterben drei deutsche Polizisten - Personenschützer des deutschen Botschafters - in Kabul bei einem schweren Anschlag. Am Tage nach der bewegenden Trauerfeier für die Beamten in der Botschaft wird eine schwangere deutsche Entwicklungshelferin mitten in der Hauptstadt von Bewaffneten aus einem Restaurant verschleppt - unter den Augen ihres Mannes. Die afghanischen Sicherheitskräfte beenden die Geiselnahme eineinhalb Tage später mit Gewalt.

Ein westlicher Sicherheitsexperte sieht die Entwicklung in Afghanistan mit großer Sorge. "Am Ende dieses Jahres sind wir an einem kritisch schlechten Punkt angelangt", sagt er. "Ich habe nicht das Gefühl, dass es irgendwelche Indikatoren gibt, die in die richtige Richtung deuten." Er glaube, dass sich die Lage weiter verschlechtern werde. Die optimistischste Annahme sei, dass der Status Quo noch zwei, drei Jahre gehalten werden könne, bevor die wieder erstarkten Taliban die ersten Provinzhauptstädte angreifen würden. "Dann stehen die Wölfe vor der Tür."

Angesichts der Debatten in den Truppenstellerländern zweifelten viele Afghanen an der Nato-Zusage, so lange zu bleiben wie nötig, sagt der höchste zivile Nato-Vertreter in Afghanistan, Daan Everts. Sie seien daher vorsichtig und warteten ab. Tatsächlich berichten selbst in Kabul Mitarbeiter westlicher Organisationen, sie hätten Angst vor einer Rückkehr der Taliban.

Die Taliban hätten 2007 zwar kein Gelände gewonnen, sagt Everts. "Aber sie verbreiten Angst und Unsicherheit. Das ist nicht schwierig, wenn Sie Menschen haben, die sich selber in die Luft sprengen." Zwischen 2005 und 2006 versechsfachte sich die Zahl der Selbstmordanschläge in Afghanistan auf 123. Auch diese Zahl wird 2007 deutlich übertroffen. Im nordafghanischen Einsatzgebiet der Bundeswehr macht der Regionalkommandeur der Internationalen Schutztruppe ISAF einen "signifikanten Unterschied" bei den Anschlägen aus. Statistisch sei ihre Anzahl zwar zurückgegangen, sagte der deutsche General Dieter Warnecke im September. Sie seien aber "qualitativ bedauerlicherweise noch hinterhältiger und mit viel, viel mehr Effekt für Medien und für die Öffentlichkeit" geworden. Die Möglichkeiten, sich dagegen zu schützen, seien "sehr, sehr eingeschränkt".

Wenn die Nato im umkämpften Süden und Osten im kommenden Jahr nicht Erfolg habe, werde "2008 sicher ein sehr schwieriges Jahr. Und dann werden wir sicherlich auch im Norden die ein oder andere Entwicklung spüren." Der eingangs erwähnte Sicherheitsexperte sagt, er könne sich "vorstellen, dass der Norden im nächsten Jahr wachsende Sorge hervorrufen wird. Wenn Kundus die Basis der Eskalation ist, werden die Deutschen an der Front stehen." Er betont: "Ob die Deutschen sich dann als Kämpfer sehen werden oder nicht, ist irrelevant." Für die Taliban seien die Bundeswehr-Soldaten bestimmt feindliche Kämpfer.

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