Warnungen wurden ignoriert
Brücke in Minneapolis war in einem katastrophalen Zustand

Erstes Ergebnis der Untersuchung über die Unglücksursache in Minneapolis, wo am Montag eine Autobahnbrücke eingestürzt ist: Das Brückenlager war völlig verrostet. Einschätzungen von Experten zum Zustand der Infrastruktur in den USA sind alarmierend.

HB MINNEAPOLIS. Vor dem Einsturz der Autobahnbrücke in Minneapolis sind wiederholt Warnungen vor baulichen Mängeln laut geworden. Schon 1990 wies eine Untersuchung auf eine massive Verrostung von Brückenlagern hin - dabei handelt es sich um zentrale tragende Teile des Bauwerks. Die von der Bundesregierung in Washington vorgenommene Untersuchung stufte die Brücke über den Mississippi als mangelhaft ein.

Der Staat Minnesota sei in der Verantwortung gewesen, die Schäden zu reparieren, sagte Regierungssprecher Tony Snow am Donnerstag in Washington. Der Gouverneur von Minnesota, Tim Pawlenty, erklärte, es sei klar gewesen, dass die Brücke irgendwann hätte erneuert werden müssen. Es habe aber nie einen Zeitplan dafür oder Hinweise für die Dringlichkeit dieser Aufgabe gegeben. Die Brücke hätte frühestens 2020 ersetzt werden sollen.

Statt einer umfassenden Erneuerung gab es an der Brücke von Minneapolis lediglich punktuelle Ausbesserungen, die im nachhinein als Flickwerk erscheinen. „Wir dachten, wir hätten alles getan, was wir tun konnten“, sagte der zuständige Bauingenieur Dan Dorgan am Donnerstag unweit des Unglücksortes. „Offenbar ist da etwas ganz schrecklich falsch gelaufen.“

Das US-Verkehrsministerium ordnete eine landesweite Überprüfung aller Brücken der gleichen Bauart an. Verkehrsministerin Mary Peters unterzeichnete eine entsprechende Anweisung an die zuständigen Behörden der einzelnen US-Staaten. Demnach sind mehr als 70.000 Brücken sind in den USA in einem ähnlichen Zustand wie die eingestürzte Autobahnbrücke in Minneapolis. Sie alle umfassend zu erneuern, würde nach Einschätzung von Ingenieuren mindestens 20 Jahre dauern. Die Kosten werden auf mehr als 188 Mrd. Dollar (137 Mrd. Euro) geschätzt.

Niemand weiß, wie viele der als reparaturbedürftig eingestuften Brücken akut gefährdet sind. Nur die Bedeutung für den Straßenverkehr ist bekannt: Jeden Tag werden diese Brücken von mehr als 300 Mil. Fahrzeugen benutzt.

Doch wegen der hohen Kosten für den Bundeshaushalt und die Kassen der einzelnen US-Staaten werden die Reparaturarbeiten immer wieder hinausgeschoben. „Wir tun nicht, was nach Ansicht der Ingenieure getan werden muss“, sagte der Präsident des Automobilverbands American Highway Users Alliance, Gregory Cohen. „Wenn man ständig zu wenig in Straßen und Brücken investiert, dann ist dies die gefährliche Folge“, fügte Cohen mit Blick auf das Unglück in Minneapolis hinzu. Nach seinen Angaben werden die Kosten für die Instandhaltung von Autobahnen und Brücken auf jährlich 75 Mrd. Dollar (55 Mrd. Euro) geschätzt. Bereitgestellt werden aber nur etwa 60 Mrd. Dollar (44 Mrd. Euro).

Von den 607 363 Brücken in den USA werden mindestens 73 533 oder rund zwölf Prozent als mangelhaft eingestuft. Darunter befinden sich auch Bauwerke, die erst Anfang der 90er Jahre errichtet wurden, wie aus der Statistik der Autobahnverwaltung (Federal Highway Administration) hervorgeht. Die Einstufung als mangelhaft bedeutet üblicherweise, dass die Brücke für den Schwerlastverkehr gesperrt wird.

Im ganzen Land sei die Infrastruktur am Zerbröckeln, sagt der Mehrheitsführer der Demokratischen Partei im Senat, Harry Reid. Senator Patty Murray, der für die Demokraten den Ausschuss für Verkehrsausgaben leitet, wirft der Regierung von Präsident George W. Bush vor, vom Kongress geplante Mittelerhöhungen mit Vetodrohungen zu blockieren.

Regierungssprecher Scott Stanzel hingegen beschuldigt die Demokraten, sie wollten das Unglück in Minnesota für parteipolitische Zwecke missbrauchen. Bush habe die Ausgaben für die Autobahnen während seiner Amtszeit um 30 Prozent angehoben. Aber auch in Bushs Republikanischer Partei gibt es Kritik. „Die Leute denken, dass man Geld spart, wenn man nicht in die Infrastruktur investiert“, sagte der republikanische Abgeordnete Tom Petri, Mitglied im Verkehrsausschuss des Repräsentantenhauses. „Das Ergebnis sind Katastrophen wie diese.“

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