Was ist Coolness?
Die Angst vor der Leidenschaft

„Bleib cool!“ Gegen diesen Rat ist fast keine Widerrede möglich. Niemand möchte uncool sein. Doch was bedeutet das Wort „cool“ und was sagt die Wertschätzung dieser Eigenschaft über unsere Gesellschaft aus? Philosophen und Psychologen blicken auf das Ideal einer ganzen Generation.

DÜSSELDORF. 21 Übersetzungen bietet der Verein Deutsche Sprache an für das „alles und nichts sagende Modewort“: beherrscht, besonnen, entspannt, gelassen, gleichmütig, lässig, nervenstark, nüchtern, ruhig, überlegen, aufregend, dufte, geil, interessant, klasse, prima, spannend, spitze, super, stark, toll. Die Liste ist sicher noch unvollständig. Je allgemeiner ein Begriff ist, desto weniger sagt sein Inhalt aus und desto nichtssagender kann er verwendet werden. Fast alles Gute kann „cool“ genannt werden – zumindest in gewissen Milieus.

Die große Verbreitung des Wörtchens zeigt, dass die Lebenshaltung, die hinter diesem Attribut steht, in der westlichen Welt zu einem allgemeinen Prinzip erhoben wurde. Auf der Internetseite „single-generation.de“, einer Diskussionsplattform und Sammlung generationentheoretischer Artikel, ist sogar von der „Diktatur der Coolness“ die Rede.

Genau zu umschreiben, was cool ist, fällt gerade den Kennern der Materie schwer. Der amerikanische Autor Nick Tosches, Biograph zahlreicher Coolness-Ikonen wie etwa Dean Martin, weiß, dass es kein Rezept dafür gibt: „To dress cool, one must be cool.“ Und das gilt sicher nicht nur für die Kleidung. Die Essenz der Coolness zu erfassen, überlässt der Coole anderen, deren Theorien er wahrscheinlich als ziemlich uncool empfindet.

Das Denken sei nämlich eine „Tätigkeit, die das Gros der Coolen ängstlich vermeidet“, schreibt der Philosoph Andreas Urs Sommer in einem Aufsatz der „Zeitschrift für Ideengeschichte“. Er beschreibt Coolness als „habitualisierte Technik des Sich-Entziehens“ – eine ganz besondere allerdings. „Ein Kartäusermönch, so sehr er sich allen Kohäsionskräften entzieht, wird schwerlich zur Ikone des Coolen avancieren.“ Des letzteren Faszination liege in einem „Widerspruch von Distanz und Involviertsein“. Der Idealtypus des Coolen, etwa James Dean, ist innerlich zerrissen, hinter seiner unnahbaren Fassade ist er aufgewühlt von Gefühl.

Die Väter dessen, was wir heute als Coolness ansehen, macht der Kulturwissenschaftler Tom Holert in den Männern der afroamerikanischen Gegenkultur des frühen 20. Jahrhunderts aus. „Keep cool“, verordnete der schwarze Polit-Poet Marcus Garvey den wütenden Nachfahren der Sklaven, um mit der täglichen Diskriminierung fertig zu werden. Ende der 40er Jahre eroberten „Cool Jazz“-Musiker wie Miles Davis („Birth of the cool“ heißt eine seiner Platten) mit ihrer unbewegten Pose die Konzertbühnen.

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