Wasser-Pipeline
Totes Meer soll an den Tropf

Hört sich an wie ein müder Wortwitz, entspricht aber den Fakten: Das Tote Meer wird immer toter. Und wer es doch noch am Leben erhalten will, muss sich sputen. Jetzt soll eine Wasser-Pipeline vom Roten Meer das Tote Meer retten.

AMMAN. Das Tote Meer, der wohl älteste und bekannteste See der Welt, verdunstet seinem Exitus entgegen. Die Schleifspuren des Wasserspiegels ziehen sich jedes Jahr um einen Meter mehr in die Tiefe. Um den Tod des Toten Meeres doch noch zu verhindern, soll nun ein zwar schon seit Jahrzehnten diskutiertes, aber dadurch nicht weniger umstrittenes Hilfsprojekt gestartet werden: Der Bau einer Wasser-Pipeline vom Roten Meer ins Tote Meer.

Doch wenn etwas dringend ist, dann steht davor die Bürokratie: Zuerst soll eine Machbarkeitsstudie erstellt werden. Sie soll technische, soziale und ökologische Folgen des Baus der rettenden Rohrleitung abschätzen. Doch nun ist schon die Machbarkeit der Machbarkeitsstudie mit einem Fragezeichen versehen: Denn die zuständige Weltbank, gelähmt von der monatelangen Gehaltsaffäre um die Lebensgefährtin ihres am Ende gestürzten Chefs Paul Wolfowitz, hat bisher erst neun der für die Studie vorgesehenen 15 Millionen Dollar zusammen.

Dabei wird das Problem immer drängender. Eine der vordringlichen Umweltaufgaben des Nahen Ostens ist bereits vom Strand aus zu sehen: Der berühmte See sinkt immer weiter ab, jedes Jahr derzeit um einen Meter, wie sich an der Salzkruste am Ufer leicht nachmessen lässt. Aktuell liegt der Wasserspiegel bei 418 Metern unterhalb des Meeresspiegels. Grund für das schleichende Sterben ist, dass der Jordan, die Grenzscheide zwischen den von Israel kontrollierten Palästinensergebieten der Westbank und Jordanien, immer weniger Wasser im Toten Meer ankommen lässt.

Das Rinnsal entlang biblischer Taufstätten wird – ausgezehrt von künstlichen Bewässerungspflichten für Bananen- und Orangen-Plantagen – als einziger Zufluss des Toten Meeres nach aktuellen Prognosen schon ab 2050 keinen Tropfen mehr zum weltberühmten Patienten, dem tiefsten frei zugänglichen Punkt auf der Erdoberfläche, bringen.

Deshalb kommt also nun der Plan mit der Wasser-Pipeline vom Roten Meer ins Tote Meer auf. Aber was die einen als Rettung preisen, prognostizieren Umweltschützer als erst recht sicheren Tod: Nicht nur, dass an den Ansaugpunkten der Pipeline die Korallenriffs bei Aqaba zerstört würden. Wegen des enormen Unterschieds beim Salzgehalt – drei Prozent im Roten, durchschnittlich 28 Prozent im Toten Meer – würden beim Bau der Lebensader gewaltige Gips-Großflächen entstehen. Und hereinströmende Algen würden das bisher noch schlierig-blaue Wasser braun verfärben. Meinen zumindest Ökologen und haben besagte Machbarkeitsstudie erzwungen.

Auch ob die beim Gefälle von 400 Metern im Pipeline-Verlauf zu gewinnende Wasserkraft-Energie die Finanzierung der 250 Kilometer langen und fünf Milliarden Dollar teuren Röhre erleichtern würde, soll die Studie auf Drängen von Ökonomen gleich mit klären. Nur an eines ist nicht gedacht: Parallel auch gleich einmal zu prüfen, wie die Ufer des alttestamentarischen Gewässers von all den leeren Plastikflaschen, verkokelten Aluschalen und anderem Müll befreit werden könnten. Denn heute sitzen inmitten dieser Flüche der Neuzeit am altehrwürdigen See Jordanier, die sich mit Picknickkörben und Grills zum Gang ins Wasser stärken. Aber das wäre zu einfach: Statt Studien erstellen einfach mal anpacken.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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