Wegen CIA
Gefangen in Paris

Freiheitsberaubung im Land der Menschenrechte? Tino Andresen hat sie in seiner ersten Woche für das Handelsblatt in Paris gleich zweimal erlitten. Mit im Spiel: CIA, Beton und jede Menge Farbe.
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Donnerstagabend, 21.09 Uhr: Das Kratzen einer Schaufel gibt mir zu erkennen: Es geht los. Keine 40 Stunden zuvor, am Mittwochmorgen gegen 7.30 Uhr, als ich mich auf den Weg ins Handelsblatt-Büro machte, entdecke ich im Hausflur meiner winzigen Wohnung im 14. Pariser Arrondisement ein farbig bedrucktes Din-A-4-Blatt. Unter der Überschrift „Bekanntmachung für die Einwohnerschaft“ lese ich dort: „In der Nacht von Donnerstag auf Freitag von 21 bis 7 Uhr“ könne niemand das Treppenhaus benutzen. Der Grund: Betonbauarbeiten. 

Meine Reaktion: ungläubiges Staunen – auch angesichts der Begründung: „Um die Bewohner nicht tagsüber zu stören“, habe das Bauunternehmen C.I.A eigens eine Truppe für diese Zeit bestellt. Abenteuerlich! Genauso wie der Hausflur seit Tagen aussieht, nachdem ihn Arbeiter mit Schlagbohrmaschinen sowie anderem Gerät auseinander genommen und in eine Baustelle verwandelt haben. 

Schon bei meiner Ankunft am Samstagabend, eine halbe Woche zuvor, hatte ich mich gewundert: Am Eingang der Wohnung hängt ein Papier. Dort soll ich markieren, an welchem Tag ich die Tür neu gestrichen haben will: Freitag, Samstag oder Montag. Da die ersten beiden Termine schon verstrichen sind, habe ich lediglich noch die Auswahl zwischen vormittags und nachmittags. In Frankreich ist allerdings am Montag im Gegensatz zu Deutschland kein Feiertag, sondern für mich Dienst angesagt. Und zwar im Akkord, denn für 16.45 Uhr bin ich einbestellt, „damit die Arbeiter keine Überstunden machen müssen“. 

Auch in diesem Fall ist die Warnung sehr kurzfristig erfolgt. Der Freund, der mir seine Bleibe überlassen hat, war noch kurze Zeit vorher dort gewesen – und weiß von nichts. Auch in diesem Fall bin ich meiner Freiheit beraubt: Die nicht mehr rote, sondern jetzt grüne Wohnungstür muss zum Trocknen fünf Stunden geöffnet bleiben, so die unmissverständliche Anordnung. 

Es scheint mir nicht mit rechten Dingen zuzugehen. CIA? Ist das nicht der US-Geheimdienst? Und was, wenn ich für Montag- oder Donnerstagabend schon vor Wochen für teures Geld gekaufte Konzert- oder Opernkarten gehabt hätte? Tatsächlich hätte ich mit gerne ein Bild von der sozialistischen Präsidentschaftskandidatenkandidatin Martine Aubry gemacht, die in der Endphase des sozialistischen Vorwahlkampfs um das Amt des Staatspräsidenten in Paris auftritt. 

Nichts zu machen! Und alles eine Frage der Betrachtungsweise. Über die Betonarbeiten heißt es auf der Ankündigung: „Diese Operation erfolgt zum Wohle aller.“ Klingt sehr nach Krankenhaus. 

Doch halt! Jetzt habe ich die Franzosen verstanden: Die Rue de la Gaité, in der ich wohne, ist als die Straße mit den meisten Theatern in ganz Paris bekannt. Ohne es zu wissen, bin ich live bei der Eröffnung des neuesten dabei. Quel honneur, was für eine Ehre! 

Am Freitagabend stand übrigens der Umzug in meine endgültige Unterkunft an. Ich will deshalb aber nicht als humorloser Deutscher dastehen. Das war von Anfang an so geplant – auch wenn mir dieser Schritt jetzt richtig schwer gefallen ist.

Tino Andresen
Tino Andresen
Handelsblatt.com / Reporter

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