Wehrleute mißbrauchten Position
Stadt in Mecklenburg löst „mafiöse“ Feuerwehr auf

Die Schlösser sind gewechselt: Wer in diesen Tagen zur Feuerwehr im mecklenburgischen Malchow will, steht vor verschlossenen Türen. In einem bundesweit bisher einmaligen Akt haben die Stadtväter der 7000-Einwohner-Stadt am Dienstagabend die Auflösung der Freiwilligen Wehr beschlossen. Der Bürgermeister spricht von mafiösen Strukturen.

HB MALCHOW/BERLIN. „Uns ist unter unseren 1,3 Millionen Feuerwehrleuten kein Fall bekannt, wo eine Kommune nach Streit mit der Wehr diese auflöst“, sagte eine Sprecherin des Deutschen Feuerwehrverbandes am Mittwoch in Berlin. Zu dem konkreten Fall in Malchow wollte sich der Dachverband zunächst nicht äußern. Der Malchower Bürgermeister Joachim Stein (Grüne) ist da offener. „Wir hatten keine andere Wahl“, sagte das Stadtoberhaupt.

In der Region gilt es als offenes Geheimnis, dass es seit Jahren Streit unter den Kameraden und mit der Stadtverwaltung gab. „Einige betrachteten das Gerätehaus und die Feuerwehr offenbar mehr als persönliches Eigentum, denn als hoheitliche Aufgabe“, erklärte Stein. Nach seiner Ansicht gab es sogar „mafiöse Strukturen“ innerhalb der Feuerwehr um den zuletzt amtierenden Wehrleiter Wolfgang Staffeld.

Was sich genau, außer gelegentlichen Umtrunken, im Vereinshaus abgespielt hat, darüber schweigen alle am liebsten. „Einmal mussten wir jemand ausschließen, der sich betrunken an einer Frau vergriffen hat“, erzählte Dirk Pärschke, der die Wehr bis Februar leitete. Zudem seien Spenden ordnungswidrig eingesetzt worden, ergänzte Stein. Seit Pärschkes Abtritt und der gescheiterten Neuwahl eines Wehrführers im Februar eskalierte der Streit zwischen Stadt und Wehr, zum Schluss sprach niemand mehr miteinander.

Zu Protesten kam es aber am Dienstagabend, als die Abgeordneten einstimmig die Freiwillige Wehr auflösten und eine so genannte Pflichtwehr einsetzten. Die verärgerten Wehrleute ließen in Malchow ihre Einsatzautos stehen und warfen Stein die Schlüssel vor die Füße. Dafür sucht Stein jetzt händeringend Männer, um wenigstens einen Löschzug voll zu bekommen. Pärschke hofft wie viele Malchower darauf, dass es nicht ausgerechnet jetzt zu einem Großbrand kommt. „Wir haben ein Großhandelslager von Edeka, eine Rehaklinik und ein Laubholzsägewerk, das sind die größten Gefahren“, meinte Pärschke.

Zudem liegt die Kleinstadt an der Autobahn Berlin-Rostock. Die Unfälle auf der A 19 stellten bisher das Gros der Einsätze der Malchower Feuerwehr. Die Aufgaben sollen jetzt benachbarte Dorffeuerwehren übernehmen. Für eine Pflichtwehr kann Stein Erwachsene zwischen 18 und 55 Jahren verpflichten. „Feuerwehr ist aber schon immer Bürgerpflicht, das haben viele vergessen“, erklärte er. Unterstützung bekommt er dabei vom Landesbrandschutzwart Ralf Schomann. „Feuerwehren sind Körperschaften öffentlichen Rechts, kein Privateigentum, deshalb darf man auch nicht per Feuerwehrauto zur Demonstration fahren, wie in Malchow“, schimpfte Schomann.

„Wir hoffen, dass wir bis Jahresende wieder genug Wehrleute zusammen haben“, sagte der Bürgermeister. Einige, die wegen des Streits ausgetreten waren, kämen sicher zurück. Dies Problem haben die Malchower jetzt mit List auf der Insel Sylt gemeinsam: „Dort ist auch eine Pflichtwehr gebildet worden, aber nur weil es zu wenig Feuerwehrleute gab“, hieß es beim Deutschen Feuerwehrverband.

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