Weinpreise
Ernüchterung in den Kellern

Noch vergangenen Sommer kostete eine Flasche Lafite-Rothschild 1986er rund 850 Euro, heute nur noch die Hälfte. Die Preise für Spitzenweine sind massiv eingebrochen. Durch die Finanzkrise fehlt eine ganze Reihe ehemals zahlungskräftiger Kunden. Ein weiteres Problem: Besonders edle Tropfen werden zu viel gesammelt – und zu wenig getrunken.

FRANKFURT. Es ist die Szene, die vielen Weinliebhabern, -sammlern und-trinkern noch immer als das ultimative Schock-Erlebnis vor Augen ist: Als sich im Jahr 1997 mitten in der Asienkrise keine Käufer mehr für die edlen teuren Weine aus den Bordeaux und dem Burgund fanden und sie deshalb nach Europa reimportiert werden sollten, lagerten die Flaschen wegen unzähliger Zollformalitäten ein halbes Jahr bei glühender Hitze im Hafen von Singapur. Das Ende ist schnell erzählt: Anschließend waren die meisten Flaschen ungenießbar und wurden weggekippt, ehe sie Europa wieder erreichten.

Soweit ist man in der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise noch nicht. Die Preise für Spitzenweine, die seit der Jahrtausendwende vor allem durch die enorm gestiegene Nachfrage aus Fernost in teils astronomische Höhen getrieben wurden, sind jedoch massiv eingebrochen. Genauso wie bei Kunst, Schmuck, Oldtimer und Rennpferden sowie all den anderen Lifestyle-Accessoires, deren Preise in den Jahren des Wirtschaftsbooms geradezu explodiert waren. Erst recht, als sich Promis wie Madonna, David Beckham und Angelina Jolie als Teilhaber bei namhaften Weingüter eingekauft haben.

Nur verkaufen, wenn man muss

"Bis Mitte 2008 war der Markt noch in Ordnung", sagt Jan-Eric Paulson, einer der erfahrensten Händler rarer erlesener Weine in Deutschland und Manager zweier Wein-Fonds. Zu den besten Zeiten hatten sich Chinesen, die etwas auf sich hielten, die großen Jahrgänge wie einen 1959er Lafite-Rothschild von ihm direkt an die Haustür liefern lassen, dabei Flug und noch drei Tage Hotelaufenthalt bezahlt. Diese Zeiten seien vorbei. Jetzt zu verkaufen habe bestenfalls dann einen Sinn, wenn man verkaufen muss.

Zu schaffen macht dem Markt, dass gleich eine ganze Reihe ehemals zahlungskräftiger Kunden inzwischen weggeblieben sind. Neben Geschäftsleuten aus den aufstrebenden Ländern wie China und Russland waren bis zum vergangenen Jahr Investmentbanker, Hedge-Fonds- und Private Equity-Manager sowie Immobilienmogule die besten Abnehmer. Die sprachen nur wenig über den Preis, stattdessen erfreute man sich am Besonderen. "Wir müssen jetzt dreimal so hart arbeiten, um ein Drittel des damaligen Umsatzes zu machen", berichtet ein Londoner Weinhändler über einen Einbruch, wie er ihn trotz jahrzehntelanger Erfahrung noch nie erlebt hat. Früher war es in wirtschaftlich schlechten Zeiten so, dass die Kunden aus der Mittelschicht, die Weine zwischen 30 und 50 Pfund gekauft hat, weggebrochen sind. Jetzt sind es die Reichen, die im obersten Segment gekauft hatten.

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