Wenn Billy Wilder kam, herrschte Ausnahmezustand
Hier war der Kaiser Kunde

Österreichs Monarchie hat zwar 1919 abgedankt, doch in Wien gibt es immer noch exklusive Geschäfte, die einst k.u.k. Hoflieferanten waren. Heute kämpfen sie mit Maßarbeit und Qualität gegen „den Markenwahnsinn“.

Gravitätisch bewegen sich die feinen Herren mit den Maßbändern um den Nacken. Das Entree für die Laufkundschaft ist ein schmaler Schlurf, wie die Wiener sagen – wenngleich edel ausgestattet mit Kirschholz und geschliffenem Spiegelglas. Der Schauraum liegt im ersten Stock und ist eine „atmosphärische Gratwanderung zwischen repräsentativer Öffentlichkeit und nobler Privatheit“, schrieb der Architekturkritiker Friedrich Achleitner.

„Knische“ spricht man den Herrenausstatter Knize am Wiener Graben aus. Thomas Bernhard hat ihn in seinen Romanen verewigt. Wenn Billy Wilder kam, herrschte Ausnahmezustand. Der Filmregisseur ließ zeitlebens sein Outfit bei Knize fertigen: erst in seiner Heimatstadt Wien, dann in Berlin, Paris und New York, wo der Herrenausstatter Filialen hatte – danach wieder in Wien. Bernhard und Wilder wussten: Ein Signet aus der großen Zeit Österreichs bürgt auch heute noch für Qualität: kaiserlicher und königlicher (k.u.k.) Hoflieferant, ein Titel, den in monarchischen Zeiten nur beste Geschäfte trugen. Sie waren privilegiert, durften Angehörige des Hofstaates und die Heerschar seiner Bediensteten beliefern.

In der Blütezeit des österreichisch-ungarischen Imperiums gab es in Wien über 500 solcher Hoflieferanten, weitere in Budapest, Prag, Karlsbad, Nizza und anderswo. Heute tragen noch zwei Dutzend Geschäfte in Wien den Titel. Und sie alle liefern Außergewöhnliches: „Wenn ich mich beim Knize einkleide, bekomme ich eine zweite Haut“, sagt Georg Waldstein, Herausgeber des Wirtschaftsmagazins „Gewinn“. „Das geht so weit, dass ich vergesse, was ich anhabe. Die Hose sitzt, das Jackett schlägt keine Falten. Erst seit 20 Jahren bin ich Maßkunde beim Knize, vorher habe ich mich mit Konfektionsware begnügt. Das kann ich mir heute nicht mehr vorstellen.“

Ähnlich fühlte Star-Regisseur Billy Wilder: 1924 betrieb Knize bereits ein eigenes Parfum- Merchandising, aber in Hollywood ging „Knize Ten“ nicht gut. Wilder kaufte daraufhin sämtliche Bestände. Bei seinem letzten Wien-Besuch wollte er das Geschäft gar nicht mehr verlassen, noch dies und das probieren, fühlen, riechen. Wenige Tage später war er tot.

Wer glaubt, hinter der Theke der k.u.k Geschäfte stünden nur distinguierte ältere Herrschaften, der sollte sich zum Eichenholztisch im Verkaufsraum von „Wilhelm Jungmann & Neffe“ begeben. Dahinter steht Georg Gaugusch, gerade mal 27, und taxiert den Kunden freundlich durch seine Brillengläser. Er verkauft Tradition, keinen Zeitgeist: „Heute wollen die Herren kein Einheitsgrau mehr“, sagt der Jungmann-Junior-Chef. 1866 wurde das Tuchhaus gegründet, heute ist es das letzte dieser Art weltweit, nicht mal in Old England gibt es Vergleichbares.

1 500 Mustervorlagen an Stoffen führt das Geschäft im Wiener Textilviertel gleich hinter der Staatsoper. Zwölf Kilometer lang ist das Warenlager: beste Stoffe, vorwiegend aus Italien, England und Schottland. Für 800 Euro gibt es einen Anzug (Jackett, zwei Hosen und Weste). Mehr als 1 500 Euro kostet kein Outfit. Und geschnitten ist es so, dass Bauchansatz und krummer Rücken unsichtbar bleiben und ausbeulende Alltagsdinge wie Handy oder Brieftasche kaschiert werden.

Das Geschäft mit alten Gaslichtstutzen und im Winter bullernden historischen Kohleöfen hatte nicht nur Kaiserin Sisi als Stammkundin. Es kam auch die Aristokratie, betuchte Industrielle und Edelmätressen. Die Auftragsbücher sind eine Erinnerung an die Zeit, da Österreich noch „tu felix austria“ war. Allerdings: Der Hoflieferanten- Titel war zwar gut fürs Renommee – aber nicht immer für die Kasse: Die Zahlungsmoral manches Kommerzienrats war unterentwickelt. Die Tuchhandlung musste öfters gegen die von Sachsen-Coburg und Gotha oder gegen andere klagen, genoss aber bei Importwaren, die für den Hof verarbeitet wurden, Steuerfreiheit.

Selbst die Gattin von Wilhelm II. ließ bei Jungmann in Serie Roben schneidern. Inzwischen hat man sich weitgehend auf Männer spezialisiert. „Frauen laufen den Moden nach und geben nicht gern etwas mehr Geld aus für ein solides Stück, das über Jahre hält, ja, ein halbes Leben“, sagt Gaugusch.

Auch Accessoires sind im Angebot: Socken, Stutzen, Krawatten und Tücher, Schirme aus Weidenholz. Bis aus Fernost und Amerika kommen Kunden. Und allen gibt Gaugusch eine Botschaft mit auf den Weg: „Anzüge gehören geputzt.“ Also gelüftet und gebürstet, auch mit Wasser und Seifenlauge. „Aber nie in die chemische Reinigung, das macht lebendes Material tot.“

Exklusive Herrenmode gibt’s auch bei „Malowan“ am Opernring, gegründet 1823 von einer „Pfaidlerin“, der bei den oberen Tausend beliebten Hemdennäherin Maria Malowan. 1968 übernahm Alfred Markowski das Geschäft. Er kämpft „wider den Markenwahnsinn“. Dabei wusste er schon Paul Hörbiger auf seiner Seite. Peter Alexander hält ihm nach wie vor die Treue. Aber inzwischen holen sich hier auch immer mehr Wirtschaftsaufsteiger einen Glencheck-Anzug.

Wer dazu noch ein Paar Schuhe braucht und glaubt, sie gleich in der Nähe bei „Rudolf Scheer & Söhne“ mitnehmen zu können, der irrt. Der legendärste Schuhmacher Österreichs benötigt 40 Stunden Handarbeit pro Paar. Kein Paar gleicht dem anderen, dafür halten sie oft länger als ein Menschenleben und werden als Erbstücke gehandelt. Das schätzen Kunden seit 1876.

In siebter Generation leitet heute Markus Scheer das Traditionshaus, mit 30 Jahren ein weiterer junger Traditionalist. Würdevoll verkündet er: „Ich suche mir meine Kunden aus.“ Selbst Kaiser Franz Joseph musste einst erst Maß nehmen lassen, bevor er seine Handgenähten bekam. Das ist auch bei allen anderen Kunden so. Wer aber einmal mit seinen Maßen vermerkt ist, bleibt unvergessen und kann später auch per Telefon ordern.

Während Scheer den großen Franz Joseph mit Schuhwerk ausstattete, versorgte ihn der Juwelier „A. E. Köchert“ mit ausreichend Geschmeide: Alle Kronjuwelen gingen durch die sensiblen Hände des Kammerjuweliers, Schmuckstücke für Mätressen kamen diskret aus seinem Tresor, ebenso sämtliche Diamantdiademe. Juweliere waren als Hoflieferanten enorm wichtig. Adelige Damen wurden von ihren Gatten reichlich geschmückt, die Herren selbst legten Wert auf edle Siegelringe.

„Anton Heldwein“ kam dabei erst spät ins Geschäft, 1902, verkaufte aber gleich Schmuckstücke aus der Wiener Werkstätte: fein gearbeitete Nachbildungen von Fuchsien, Primeln, Schneeglöckchen und Herzblüten – bis heute. Kundendienst ist Chefsache: Ein Schmuckstücke geht erst über den

Plüschtisch, wenn es einer geprüft hat, der Heldwein heißt.

Sensible Hände hat auch das Personal beim „Lobmeyr“, der 1823 eröffneten „k.k. Hof-Glas Niederlage“: Wiener Theater, Regierungsgebäude und das Rathaus, dazu viele Burgen und Schlösser in Österreich, alle werden von Kristalllüstern aus diesem Geschäft erhellt. Wie die Metropolitan Opera in New York und zwei Dutzend weiterer Konzerthäuser in der Welt, selbst Paläste und Moscheen in Mekka und Medina.

Wer nun genug geschwelgt und gekauft hat, der findet den süßen k.uk. Abschluss bei den Hofzuckerbäckern: beim Sacher, beim Demel, beim Sluka am Rathausplatz und beim L. Heiner. Kaiserguglhupf und Kardinalsschnitte, Stephanietorte, Milchrahmstrudel und Petit Fours – wer die Augen schließt, genießt wahrlich kaiserlich und königlich.

k.u.k. Kontakt

Vorwahl für Wien 00431/ Jungmann & Neffe, Albertinaplatz 3, Tel. 512 18 75, jungmannundneffe@aon.net

Knize & Comp., Graben 13, Tel. 512 18 75

Malowan, Opernring 23, Tel. 587 62 96

Rudolf Scheer & Söhne, Bräunerstr. 4, Tel. 533 80 84

A.E. Köchert Juweliere Neuer Markt 15, Tel. 512 58 28

Juwelier Anton Heldwein, Graben 13, Tel., 512 57 81

J. & L. Lobmeyr, Kärtner Str. 26, Tel. 512 05 08, www.lobmeyr.com

Sacher Hotel, Philharmonikerstr. 4, Tel. 514 56, www.sacher.com

Ch. Demel’s Söhne, Kohlmarkt 14, Tel. 535 17 17, www.demel.at

Konditorei Sluka, Rathausplatz 8, Tel. 405 71 72 Café-Konditorei L. Heiner, Wollzeile 9, Tel. 512 23 43

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%