Wenn Fernsehen besser als das Leben ist
Dabei sein ist nicht alles

Nicht alles, was echt wirkt, ist es auch. Zunehmend verschwimmen die Grenzen zwischen dem, was echt ist, und dem, was nur so aussieht. Verzwickt wird die Angelegenheit, wenn das, was echt ist, nicht mehr akzeptiert wird, weil das, was nur so tut, als sei es echt, viel besser wirkt als das Original. Echt verwirrend!

Wir können das sehr schön beobachten, wenn wir uns einmal im Londoner Tennis-Mekka Wimbledon auf den Center-Court begeben. Mit etwas Glück ergattern wir noch eine Karte etwas weiter oben, suchen an einem möglichst sonnigen Tag unseren Platz auf und warten, bis die Spieler den Platz betreten.

Wir holen tief Luft in Erwartung eines Hochgefühls, denn plötzlich sind wir ja ganz nah dran am Geschehen. Doch: Nach ein paar Minuten beschleicht uns ein komisches Gefühl – nämlich das, meilenweit weg zu sein von dem, was sich da irgendwo abspielt. Zumindest nicht so nah zu sein, als wenn wir es uns daheim vor dem Fernsehapparat bequem gemacht hätten.

Es gab schon Menschen, die saßen auf ihrem Platz hoch droben und verfolgten ein Spiel von André Agassi, ohne auch nur ein einziges Mal das Gesicht des Graf-Gatten zu sehen. Der konzentrierte sich nämlich auf das Spiel und blickte unter seiner vor starker Sonne schützenden Kappe nicht einmal hoch.

Es war eine ziemlich trostlose Angelegenheit, weil aus der Entfernung so recht niemand ausmachen konnte, ob ein Ball nun diesseits oder jenseits der Linie die Grasnarbe touchiert hatte. Irgendwann war Agassi dann fertig mit seinem Gegner, winkte noch einmal ohne aufzusehen den Menschen auf den Rängen zu – und weg war er. Das war’s. Die Enttäuschten mussten danach ihren Videorekorder bemühen, um anhand der Aufzeichnung und mit Hilfe von Zeitlupen und Nahaufnahmen das Spiel noch einmal so zu erleben, wie sie es gewohnt waren.

Ein ähnliches Gefühl kann einen Konzertbesucher beschleichen, der sich in eine Multifunktionsarena begibt, um dort vielleicht Zhang Yimous Turandot-Inszenierung mitzuerleben. Viel wird er dort sehen, schließlich sind neben Orchester und Solisten 120 Chorsänger und 150 Statisten aktiv. Wird der Zuschauer aber auch das Wesentliche mitbekommen? Die Antwort lautet natürlich nein, denn zu gerne schweift der Blick des Zuschauers neugierig umher, hält sich an Details fest und verliert damit möglicherweise mehrfach den Anschluss an den roten Faden.

Den roten Faden, oder besser gesagt: den roten Helm, können wir auch dann leicht verpassen, wenn wir uns am Nürburgring einen besonders guten Platz über der Formel-1-Startaufstellung gesichert haben. Vom Balkon eines zu Rennzeiten sündhaft teuren Hotelzimmers erleben wir schön und bequem, wie die Boliden lospreschen und einen Höllenlärm veranstalten, den wir voll mitbekommen. Dann ist es kurz leise, weil es dauert, bis der Führende die erste Runde gedreht hat. Kurze Zeit später scheppert es schon wieder aus allen Rohren. Und das wiederholt sich dann ein paar Dutzend Mal.

Irgendwann möchten wir dann aber doch gern wissen, auf welchem Platz wohl gerade Michael Schumacher fährt und wie wir seinen roten Helm von dem seines mitrasenden Teamkollegen Rubens Barrichello unterscheiden können. Und dann stellen wir uns noch die Frage, warum manche Fahrer überhaupt nicht mehr vorbeikommen.

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