Westernhagen zur Musikbranche
„Eine riesige Gruppe von Prostituierten biedert sich an“

Westernhagen macht seit fünf Jahrzehnten Musik. Weshalb ihn die heutige Musikindustrie an ein Bordell erinnert, warum er seinen eigenen Erfolg nicht mehr ausgehalten hat - und wie die WG mit Udo Lindenberg war.

BerlinMarius Müller-Westernhagen zählt zu den erfolgreichsten deutschen Künstlern - und weiß, dass er mitunter als schwierig gilt. Dabei mache er einfach nur, was er wolle, sagte der 67-Jährige bei seinem „Unplugged“-Konzert, zu dem jetzt das Album erscheint. Zum dpa-Interview kommt Westernhagen gut gelaunt und gibt sich äußerst kommunikativ. Er erklärt, weshalb ihn die heutige Musikindustrie an ein Bordell erinnert, warum er seinen eigenen Erfolg nicht mehr ausgehalten hat - und erzählt von alten WG-Zeiten mit Rainer Langhans oder Udo Lindenberg.

Ihre „Unplugged“-Show wirkt fast wie ein Familientreffen. Sie treten mit Ihrer Lebensgefährtin auf und das erste Mal überhaupt mit Tochter Mimi. Wie hat sich das angefühlt?
Marius-Müller-Westernhagen: Für mich war das relativ normal, weil ich das Private vom Künstlerischen trennen kann. Ich bin mit meiner Tochter oder meiner Lebensgefährtin genauso kritisch wie mit jedem anderen, wenn es um Musik geht. In dem Moment ist es jemand, der versucht, Kunst zu produzieren, und nicht mein Familienmitglied.

Mimi ist bei ihrer Mutter in England aufgewachsen, wo kaum einer ihren Nachnamen kennt. War das ein Vorteil oder ein Nachteil?
Beides. Es war ein Verlust, weil ich sie einfach nicht so oft gesehen habe, wie es für einen Vater nötig wäre. Aber es war ein Gewinn, weil sie das ganze Theater, das um mich herum geschehen ist, nicht mitbekommen hat. Das hat sie normaler aufwachsen lassen.

Das Theater nahm in den 1990er Jahren ungeheure Ausmaße an. Sie zogen gigantische Massen in die Stadien. War der plötzliche Abschied von der großen Bühne eine Art Selbstschutz?
Ich habe 1999 aufgehört, weil ich das, was auf mich projiziert wurde, nicht mehr aushalten konnte. Das hatte nichts mehr mit mir zu tun. Da gerätst du in eine Rolle, die du nicht mehr ausfüllen kannst und nicht ausfüllen willst. Ich konnte und wollte das nicht mehr, es hat mich nicht mehr befriedigt, sondern nur noch getrieben. Und: Die Erwartungen an mich waren überzogen. Das war wie in Heiligen Messen. Die Leute haben mir ihre Kinder hochgehalten. Da wurde es mir unheimlich. Da geschehen Dinge in deinem Namen, die du nicht mehr kontrollieren kannst. Das empfand ich als schädlich für meine Arbeit. Der Hype wurde zu riesig.

Welche Verantwortung haben Sie bei Ihrer Arbeit und welche Erwartungen gilt es zu erfüllen? Welche Verantwortung haben Sie bei Ihrer Arbeit und welche Erwartungen gilt es zu erfüllen?
Ich bin nicht dazu da, Erwartungen zu erfüllen. Meine einzige Verantwortung gegenüber dem Publikum ist, bei meiner Arbeit die bestmögliche Qualität zu erreichen. Das hat auch mit Schmerz zu tun. Man muss bis an den Punkt gehen, wo es wehtut. Eine andere Verantwortung habe ich nicht. Ich muss nicht jedem auf Facebook und Twitter sagen, dass ich ihn liebe. Das ist einfach nicht der Fall.

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