„Whisky und wilde Frauen“
Ältester Mann der Welt gestorben

Erst im Juni war Brite Henry Allingham zum ältesten Mann der Welt geworden. Nun starb er im Alter von 113 Jahren in einem Pflegeheim nahe Brighton, wie die Einrichtung am Samstag mitteilte. Das Geheimnis des Mannes laut eigenen Angaben: "Whisky und wilde Frauen".

HB LONDON. Der 1896 geborene Allingham erlebte drei verschiedene Jahrhunderte und sechs verschiedene britische Monarchen. Mit seiner Frau Dorothy war er über ein halbes Jahrhundert verheiratet. Er hatte fünf Enkel, zwölf Urenkel, 14 Ururenkel und schon einen Urururenkel. Ältester Mensch der Welt ist die Afroamerikanerin Gertrude Baines. Die 115-Jährige wohnt bei Los Angeles.

Die Frage nach seinem Rezept für sein hohes Alter beantwortete Allingham einst augenzwinkernd so: „Zigaretten, Whisky und wilde, wilde Frauen.“ In einem ernsteren Augenblick meinte er allerdings: „Man muss auf sich achtgeben und seine Grenzen kennen.“

Allingham war einer der letzten noch lebenden Veteranen aus dem Ersten Weltkrieg und Gründungsmitglied der Royal Air Force im Jahr 1918. Noch im vergangenen November hatte er an den Feierlichkeiten zum 90. Jahrestag des Endes vom Ersten Weltkrieg teilgenommen.

Die Zeit konnte jedoch die Erinnerungen an die blutigen Schlachten nicht auslöschen: „Ich sah so viele Sachen, die ich gerne vergessen würde, aber ich werde sie nie vergessen, ich kann sie nie vergessen“, sagte er einst. „Kriege sind dumm. Niemand gewinnt. Man kann genau so gut vorher miteinander reden, denn letzten Endes muss man sowieso miteinander reden“.

Allingham hatte den Ersten Weltkrieg nur mit Glück überlebt, als in der Skagerrak-Schlacht eine deutsche Granate ein Schiff, auf dem er diente, knapp verfehlte. Die Besatzungszeit hatte ihn nach Kriegsende kurz nach Köln geführt, doch erst gut 85 Jahre später kehrte er nach Deutschland zurück und traf im Ruhrgebiet den 109 Jahre alten deutschen Veteranen Robert Meier, der wenige Monate später in Witten starb. Bei ihrem Treffen erhoben sich die ehemaligen Feinde aus ihren Rollstühlen und umarmten sich.

Dass sie beide bei der blutigen Schlacht an der Somme in Frankreich dabei waren, erfuhren sie mit Hilfe von Übersetzern. „Es ist jetzt zu spät für mich, noch Deutsch zu lernen“, meinte Allingham damals schmunzelnd. Im Zweiten Weltkrieg waren dann seine Ingenieursfähigkeiten beim Entschärfen deutscher Seeminen gefragt. Nach dem Krieg arbeitete er in der Automobilindustrie, bis er sich 1961 zur Ruhe setzte.

Obwohl seine Frau schon 1970 starb, meisterte Allingham seinen Alltag noch mehr als 35 Jahre. Erst als er immer schlechter sehen konnte, gingt er 2006 in ein Pflegeheim für erblindete ehemalige Soldaten bei Brighton. „Bis zuletzt war er noch recht aktiv“, sagte Heimleiter Robert Leader.

Und vieles, was die meisten Menschen nur aus Geschichtsbüchern kennen, hat Allingham selbst erlebt. Als Kind trauerte er 1901 um die britische Königin Victoria. Er war erschüttert, als 1912 die Titanic sank. Als junger Mann kämpfte er im Ersten Weltkrieg und hörte gegen Ende des Zweiten Weltkriegs vom Abwurf der ersten Atombombe. Dann las er vom Kennedy-Attentat, erlebte die erste Fußball-Weltmeisterschaft für England, die Mondlandung, den Erstflug der Concorde, den Tod von Elvis Presley. Er sah den Zusammenbruch des Kommunismus, den Fall der Berliner Mauer, erlebte den Aufbruch in das Internetzeitalter, die Terroranschläge vom 11. September 2001 und den Einzug des ersten schwarzen Präsidenten in das Weiße Haus.

Von den sechs britischen Monarchen seines Lebens saß die derzeitige Königin Elizabeth II. am längsten auf dem Thron. Die Queen, die Allingham im Jahr 2003 erstmals traf, zeigte sich vom Tod ihres ältesten Untertanen betrübt. „Er gehörte zu der Generation, die so viele Opfer für uns gebracht hat.“

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