Wie Deutschland mit der Krise lebt
Die Behauptung des Ichs

Wie soll das Land mit der Wirtschaftskrise umgehen? Lachen, weinen oder einfach verdrängen? Wir sind losgezogen, den Witz zu suchen und das Trauern zu lernen.

LEIPZIG. Der erste Witz ist gar keiner. Der Humorstammtisch in Leipzig hat gerade begonnen, als Herr Turek ankündigt, dass man heute leider das Lachyoga vom Programm gestrichen habe, weil man schon mit dem Witztraining ausgelastet sei. Da raunt mir die Dame gegenüber vertraulich zu: „Kommen Sie doch morgen früh in den Park, um 7.30 Uhr, da lache ich jeden Mittwoch.“ Guter Scherz, sage ich und grinse. Sie meinte es ernst.

In der Düsseldorfer Gemeinde Angermund hat seit einer Stunde das Trauercafé geöffnet. Es ist Sonntag, Totensonntag, doch die Zahl der Anwesenden ist überschaubar. Außer mir nur Pfarrer Diesterheft-Brehme, die Trauerbegleiterin Anke Pfeiffer-Pogatzki und eine weitere Seelsorgerin. Dann endlich doch noch zwei Besucher, Dame mit Pelzkragen, Mann mit Hut. „Wir wollten eigentlich nur Tee kaufen“, sagt der Mann. Frau Pfeiffer-Pogatzki schaut sanft verlegen, irgendwie ist auch sie zurzeit arbeitslos. Jedenfalls wenn es um Wirtschaftskrise-Sorgen geht. „Noch“, sagt Anke Pfeiffer-Pogatzki. „Noch herrscht totale Stille.“

Ängstliche Stille, Totenstille, Krisenzeit-Stille. Die Welt macht Bankrott, und Deutschland macht mit. Am Montag ist es genau drei Monate her, dass die Investmentbank Lehman Brothers pleiteging – und den Finanzmarkt an den Rand des Abgrunds brachte. Seither wird gezittert, um Arbeitsplätze und Ersparnisse oder, im größeren Stil, um ganze Unternehmen. Wirtschaftsweise sprechen von Rezession, und wann immer Lösungen angeboten werden, bestehen sie in Zahlen, Daten, Fakten.

Wie aber soll der Mensch emotional mit der Krise umgehen? Gefühle auf Eis, Augen zu und durch? Oder lieber dem Wahnsinn ins Gesicht lachen? Oder ist vielleicht Weinen der richtige Weg?

Auf mache Fragen erhält nur Antwort, wer den Selbstversuch wagt.

In Leipzig hätte man sie schon früh erkennen können. Die Krise. „Hier hat sie doch angefangen, mit der SachsenLB“, sagt der Taxifahrer auf dem Weg zum Restaurant Ambrosia. Ach ja, schon fast vergessen. Im Sommer 2007 war das, da geriet die Sächsische Landesbank durch riskante Geschäfte auf dem US-Hypothekenmarkt in Schieflage. Später wurde sie dann von der Landesbank Baden-Württemberg übernommen.

Während der Taxifahrer auf die Politik schimpft, eine kleine Kopfrechnung. Die Kreditklemme der SachsenLB betrug zeitweise 17,3 Milliarden Euro. Sachsen hat rund 4,2 Millionen Einwohner. Jeder von ihnen hätte 4 200 Euro spenden müssen, um die Schulden der Bank zu tilgen.

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