Wie Flüchtlinge Deutschland erleben
„Deutschland ist unsere letzte Chance“

Besim Hasani kam im Februar dieses Jahres mit seiner Familie aus dem Kosovo nach Deutschland. Es ist bereits sein zweiter Asylversuch in der Bundesrepublik – und es wird wohl nicht sein letzter sein.

IngolstadtEs ist ein diesiger Morgen in Manching bei Ingolstadt, als eine rote Hose aus dem Nebel hinter dem Zaun auftaucht. Besim Hasani, 38, geht zum Wachmann, wechselt ein paar Worte. Dann öffnet sich langsam das Tor der ehemaligen Kaserne, in der seit ein paar Wochen Balkan-Flüchtlinge auf ihre Abschiebung warten. Besim ist einer von ihnen. Der junge Mann erkennt den Reporter sofort – er ist mit ihm verabredet. Aber die Wachleute sollen das nicht wissen. Neulich hat der gelernte Krankenpfleger mächtigen Ärger bekommen mit der Security, weil er einem Journalisten sein Zimmer zeigen wollte. Seitdem ist Besim vorsichtig. Er will nichts falsch machen. Deshalb hat er vorgeschlagen, sich im Möbelhaus um die Ecke zu treffen. Er geht also die paar Meter, wartet vor der Drehtür, steuert dann zum Möbelhaus-Bäcker. Besim bestellt sich eine Cola, setzt sich an einen Bistro Tisch – und erzählt:

Ich komme aus dem Kosovo, aus einem kleinen Dorf nahe der geteilten Stadt Mitrovica. Dort leben im südlichen Teil Serben und im nördlichen Albaner. Mein Dorf liegt auf albanischer Seite. Irgendwann bekam ich Post von der Armee. Sie brauchten Leute für den Krieg gegen Jugoslawien. Mir war klar: Wenn ich da hingehe, dann bin ich für die serbischen Soldaten Kanonenfutter. Es war einfach zu gefährlich. Also hat mein Vater eine Kuh verkauft, hat Schulden aufgenommen und mir davon ein Ticket nach Deutschland gelöst. So bin ich 1995 zum ersten Mal gekommen. Ich war damals 18, noch Junggeselle, nur auf mich gestellt. Da war das einfach. Ich kam nach Nürnberg, habe Asyl beantragt und versucht, als Krankenpfleger zu arbeiten. Ich hatte mein Diplom mit, aber das wurde nicht anerkannt. Also habe ich mich so durchgeschlagen. Fünf Jahre ging das. Dann war der Krieg in meinem Land zu Ende. Und ich wollte unbedingt zurück und helfen, meine Stadt wieder aufzubauen.

Hunderttausende von Flüchtlingen werden dieses Jahr in Deutschland Asyl beantragen. Was denken sie? Was wollen sie? Weil die Neuankömmlinge noch immer vielsprachig sprachlos sind, will das Handelsblatt ihnen eine Stimme geben: Auf 50 Seiten sprechen und schreiben Künstler und Unternehmer, Schriftsteller, Ärzte und Ingenieure, Männer und Frauen aus Afghanistan, Iran und und Irak, Syrien, Eritrea aber auch dem Kosovo über Merkel und Europa, Heidenau und das Schleppergeschäft – aber auch die Sorgen der Deutschen, mit denen sie nun konfrontiert werden. Das komplette Dossier als PDF zum Download.

Ich habe mir ein Busticket gekauft, drei Tage ging die Reise. Ich habe keine Minute geschlafen, so gefreut habe ich mich auf zu Hause. Ich dachte: Irgendwann komme ich nach Deutschland zurück als Tourist – und um Danke zu sagen für alles, was man hier für mich getan hat. Ich schwöre bei Gott: Ich hätte nie erwartet, dass ich wieder zu euch kommen muss, um Asyl zu beantragen. Aber ich hätte auch nicht erwartet, dass wir in Friedenszeiten gezwungen sein werden, unser Land zu verlassen – wegen unserer Politiker.

Dass Besim damals nicht abgeschoben wurde, sondern freiwillig gegangen ist, wird später noch wichtig werden in seiner Geschichte. Wer abgeschoben wird, darf so schnell nicht zurück. Wer aber freiwillig geht, kann wiederkommen. Daran dachte Besim zwar nicht – er hatte sich ja auf den Kosovo gefreut. Doch als er nun von seiner Rückkehr erzählt, wird der kleine, drahtige Mann unruhig. Er fühlt sich auf einmal unwohl, weiß sich nicht richtig hinzusetzen auf seinem Stuhl. Er schraubt die Colaflasche auf und zu, ist nervös.

Als ich mit 23 zurückkam in den Kosovo, fühlte es sich wunderbar an. Ich wollte ja nie im Ausland leben. Aber ich habe schnell gemerkt: Der Krieg ist noch nicht vorbei. Serben und Albaner bekämpfen sich noch immer. Gerade erst vergangenes Jahr hat man in einem Wald bei meinem Dorf fünf albanische Kinder gefunden – ermordet. Wir wussten: Das sind nicht die Menschen aus dem serbischen Dorf auf der anderen Seite des Flusses. Das sind Leute, bezahlt von der serbischen Regierung, die uns Probleme machen sollen. Ich bin dann mit meiner Familie in die Stadt gezogen.

Besim wechselt nun zwischen dem Jugoslawien-Krieg und den frühen 2000er-Jahren hin und her. Es wird schwer, ihm zu folgen. Immer aufgeregter spricht er, baut auch mal englische Wörter in sein ansonsten gutes Deutsch ein. Durch seine fünf Jahre in Nürnberg kann er die Sprache, gerade übt er für seinen nächsten Deutsch-Test. Wenn er es schafft, hätte er Level B2 erreicht – ziemlich gut. Aber: Wird er es je wieder brauchen?

Krieg hat nichts mit Blut zu tun. Wir im Kosovo erleben einen psychologischen Krieg. Das heißt: Du bekommst im Monat als Familie 60 Euro Sozialhilfe, egal ob du zu fünft bist oder zu zehnt. Dann gibt es 75 Euro Rente für die Alten. Meine Mutter aber muss alleine mehr als 100 Euro für ihre Medikamente bezahlen. Mein Vater hat bei der Stadt gearbeitet, bei der Müllabfuhr. Er fuhr Bagger auf der Deponie. Aber er hat vier Monate keinen Lohn bekommen, weil er im Krieg Kommandant war und sein Chef sein Gegner. Also haben auch wir Kinder immer versucht zu arbeiten, Geld zu verdienen.

Es war ein schweres Leben. Ich habe zwei Jahre lang Schulpsychologie studiert, das wollte ich gerne machen. Nebenbei habe ich schwarzgearbeitet. Aber es wurde einfach zu viel. Ich habe das nicht mehr geschafft, da habe ich das Studium geschmissen. Stattdessen wollte ich als Krankenpfleger arbeiten. Aber ich habe keine Arbeit gefunden. Also haben mein Vater, mein Bruder und ich nach meiner Rückkehr ein Taxi-Unternehmen aufgezogen. Ich habe einen Onkel in Düsseldorf, der hat uns einen alten Mercedes-Bus gekauft. Mit dem haben wir dann Leute rumgefahren: Mitrovice-Pristina, immer hin und her. Aber das war natürlich schwarz.

2004 lernt Besim Lumtorije kennen, 2005 verloben sie sich. Auf einmal ist er nicht mehr nur für sich verantwortlich, sondern für seine eigene kleine Familie. Er muss dringend Geld besorgen.

Ich habe dann als Vertreter für eine deutsche Firma angefangen. Die haben Holzheizungen verkauft. Das Unternehmen gehörte einem Deutschen und einem Albaner. Ich habe dann als Übersetzer angefangen, im Büro gearbeitet, die Papiere gemacht, Rechnungen geschrieben. Gleichzeitig habe ich mich auch beim Stadt-Ensemble gemeldet. Ich singe gerne für Leute und schreibe meine eigenen Lieder, vor allem über mein Leben. Das habe ich noch in Deutschland gelernt. Damals in Nürnberg hatte ich am Theater gearbeitet. Zurück im Kosovo, habe ich dann ein halbes Jahr bei einem sehr guten Schauspieler ein Praktikum gemacht. Meine Lieder liefen in den Kaufhäusern und im Radio, noch heute sind sie bei Youtube. Die Leute haben mich auf der Straße erkannt.

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Von Nürnberg ins bayerische Behörden-Chaos

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