Wie ticken Serienkiller? Psychologen nähern sich der dunklen Seite des Menschen
Manchmal siegt das Böse im Menschen

Das Böse ist immer und überall. Es ragt hervor aus der Geschichte, aus den Nachrichten, es steht an der Straßenecke. Manchmal hat es einen Namen, ein Gesicht, wie etwa das von Martin Prinz.

FRANKFURT. Das Morden des Martin Prinz begann am 13. Oktober 1994, in Regensburg. Erst betete der 18-Jährige mit seinem Vater in der Kirche. Dann lauerte er dem elfjährigen Ministranten Tobias H. auf, stürzte sich auf ihn, riss ihm die Hose auf. Prinz stach mit einem Butterfly-Messer auf sein Opfer ein. Siebzig Mal. Minutenlang.

Zehn Jahre später. Martin Prinz hat inzwischen gestanden, im Alter von 16 Jahren einen Jungen missbraucht zu haben. Nach über neun Jahren Haft, nach fünf gescheiterten Therapieversuchen, nach psychologischen Gutachten, die untermauern, dass er an einer gravierenden Persönlichkeitsstörung leidet, kommt Prinz auf freien Fuß. Erneut mordet er. Vor drei Wochen, am 17. Februar, lockt er den neunjährigen Peter A. in München in sein Auto und führt den Jungen zu seinem Zimmer im Sozialwohnheim. Prinz missbraucht Peter. Dann bringt er ihn um.

Das Böse ist eigentlich eine moralische Kategorie, keine wissenschaftliche. Angesichts eines bestimmten Verbrechertypus greift jedoch manch Kriminalpsychologe darauf zurück: „Wir sprechen über Menschen, die erschütternde Taten begehen, und zwar wiederholt. Die wissen, was sie tun“, zitierte unlängst die „New York Times“ den Psychiater Michael Stone. Er untersuchte die Lebensläufe von über 500 Schwerverbrechern und erstellte eine „Skala der Grausamkeit“, um Richtern die Arbeit zu erleichtern: Wann ist eine Tat als gemein, niederträchtig, böse oder besonders böse zu bewerten?

Aus der Masse der Verbrecher ragt ein Typus empor: Kaltblütige Killer, die ihre Opfer mit oberflächlichem Charme einlullen, zugleich aber planerisch, gefühl- und absolut gewissenlos vorgehen. Der Fachterminus für diese Menschen: „Soziopath“. Zeigt man Testpersonen neutrale Wörter wie „Tisch“ und im Vergleich dazu Begriffe wie „verstümmeln“ oder „Spaß“, reagiert das Hirn stärker auf die gefühlsbetonten Wörter – das zeigt die Messung der Hirnströme. Für Soziopathen dagegen ist alles einerlei: Ob „Tisch“ oder „verstümmeln“ – ihr Gehirn verarbeitet beide Wörter gleich.

Der Hirnforscher Adrian Raine legte 21 Soziopathen in einen Kernspintomographen und fand heraus: Das Stirnhirn (Präfrontalcortex) war bei ihnen um elf bis 14 Prozent geschrumpft. In dieser Hirnregion sind unser ethisches Empfinden, unser Gefühl für Gut und Böse sowie unser Einfühlungsvermögen angesiedelt. Das Hirn des Soziopathen ist buchstäblich enthemmt. Weitere Hirnteile sind betroffen, wie der Mandelkern. Diese Struktur wird auch als „Angstzentrum“ bezeichnet. Bei Soziopathen ist der Mandelkern chronisch untererregt: Angst ist für sie ein Fremdwort.

Auch wenn viele Experten nach wie vor skeptisch sind, ob man das Wort „böse“ in den Mund nehmen sollte, in einem Punkt herrscht Konsens: Soziopathen sind so gut wie behandlungsresistent. Am kanadischen Gefängnis Oak Ridge startete man in den 60er Jahren ein Programm, in dem Verbrecher aller Art therapiert wurden. Während die Rückfälligkeit gewöhnlicher Krimineller sank, entfalteten die Psycho-Sitzungen bei Soziopathen den gegenteiligen Effekt: Sie begingen mehr Straftaten als vorher. Psychologen vermuten, dass den Soziopathen die Einsichten aus der Therapie helfen, ihre Opfer noch besser zu manipulieren.

Soziopathen wirken kaltblütig, einerseits. Anderseits können sie charmant auftreten und „durchaus Freude empfinden“, wie der US-Psychiater Frank Ochberg sagt. Einige von ihnen sind Sadisten: Es bereitet ihnen Vergnügen, anderen Schmerzen zuzufügen.

„Sexuelle Sadisten“, sagt Thomas Müller, Profiler und Buchautor („Bestie Mensch“), „sind nach derzeitigem Kenntnisstand nicht therapierbar.“ Was sie antreibt, seien nicht die Schmerzen oder der Tod des Opfers, sondern Kontrolle und Macht. Wir alle versuchen, herauszuragen, wollen besser sein als andere. Müller: „Manche aber können sich nur erhöhen, indem sie andere erniedrigen.“

Mitte der 90er Jahre hat sich der Profiler auch mit dem Fall Martin Prinz beschäftigt und dessen Mord am Ministranten Tobias. Der Tatort-Spezialist kam damals zum Schluss, dass die kriminelle Karriere von Prinz längst nicht zu Ende sei: „Ich hielt ihn für eine tickende Zeitbombe.“

Quelle: News Frankfurt/Tagesspiegel

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