„Wir überleben gerade wegen der Muslime“
Einzige Brauerei in Pakistan kämpft ums Überleben

Der Brauereidirektor trinkt kein Bier, die Qualitätskontrolleure probieren die Produkte nicht selber, und dem Braumeister ist Alkoholkonsum per Gesetz verboten. Die Murree-Brewery in Rawalpindi nahe der pakistanischen Hauptstadt Islamabad ist in vielerlei Hinsicht bizarr. Das 1861 von der britischen Kolonialmacht gegründete Traditionsunternehmen ist die einzige Brauerei in dem streng islamischen Pakistan, in dem fast die gesamte Bevölkerung gesetzlich zur Abstinenz gezwungen ist. Die erstarkenden Fundamentalisten würden diese Gesetze gerne noch verschärfen - und der kleinen Brauerei damit den Garaus machen.

HB/dpa ISLAMABAD. 97 % der 140 Mill. Pakistaner sind Muslime, denen Alkoholkonsum seit 1977 verboten ist. Die restlichen 3 % brauchen eine staatliche Genehmigung, um Bier oder Spirituosen in den wenigen und streng gesicherten Läden kaufen zu dürfen. Isphanyar Bhandara ist der Direktor der Murree Brewery, die neben Bier auch Spirituosen herstellt und im Besitz seiner Familie ist. Die Bhandaras sind zoroastrische Parsen und fallen wegen ihrer Religion nicht unter das Alkoholverbot für Muslime, zu denen fast die ganze Belegschaft zählt.

Und doch verblüfft der 30-jährige Direktor Besucher mit dem klaren Bekenntnis zu Cola. „Mir schmeckt Bier einfach nicht“, sagt er beim Rundgang durch die Brauerei, die den Gerstensaft mit importiertem deutschen Hopfen und deutschen Maschinen braut. Auch die Biochemikerin Huma Zubair kann den Produkten ihres Arbeitgebers geschmacklich nichts abgewinnen, der Lebensmitteltechniker Fakher-E- Mahmoud eigentlich schon - er verzichtet aber aus religiösen Gründen.

Bei Brauerei-Fortbildungen in Freising und München habe ihre Abstinenz allerdings für einiges Kopfschütteln gesorgt, sagen die beiden muslimischen Qualitätskontrolleure. Kopfschütteln erntet auch der muslimische Braumeister bei Besuchern aus dem Westen: Mohammad Javed darf nicht herunterschlucken, wenn er sein Bier testet - er muss den Kontrollschluck wieder ausspucken. „Ich bin der einzige Brauer auf der Welt, der sein Produkt nicht trinken darf“, sagt er.

Direktor Bhandara hält die Wirkung der Alkoholgesetze, die dem Unternehmen damals einen massiven Absatzeinbruch bescherten, für mehr als fraglich. „Wir überleben gerade wegen der Muslime“, sagt er mit Blick auf den Schwarzmarkt. Die Bierproduktion liege zwar nur noch bei jährlich rund 16 000 Hektolitern, knapp einem Drittel der Kapazität - Tendenz weiter sinkend. Dafür habe der Spirituosen-Absatz zugenommen. Unter der Hand sind zudem ausländische Alkoholika zu haben, deren Einfuhr verboten ist. Auch schwarzgebrannter Alkohol ist gefragt - an dem Fusel sterben in Pakistan regelmäßig Menschen.

Doch was Bhandara wirklich beunruhigt, sind nicht die geltenden Gesetze oder das Werbeverbot für seine Produkte - er hat Angst vor der Zukunft. „Die Gesetze haben uns unterdrückt, aber sie haben uns nicht zerstört“, sagt er. „Aber die Talibanisierung Pakistans wird unser Land ruinieren.“

Bei den Parlaments- und Provinzwahlen im vergangenen Oktober verbuchte das Bündnis islamistischer Parteien MMA triumphale Stimmenzugewinne. Aus einer der vier Provinzen Pakistans ist Alkohol vor kurzem von der MMA ganz verbannt worden. „Für die Islamisten ist es weniger schlimm, wenn man jemanden tötet, als wenn man ein Glas Bier trinkt“, sagt Bhandara mit Bitterkeit in der Stimme. „Ich weiß nicht, ob es unsere Brauerei nächstes Jahr noch geben wird.“

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