Wirtschaft: Karneval und Kommunismus

Wirtschaft
Karneval und Kommunismus

Die Ökonomie ist bierernst, lautet das Vorurteil. Und keiner kennt das Rezept, wie man die Probleme von Wachstum und Arbeitslosigkeit löst. Nicht mal Sabine Christiansen, obwohl in deren Runde doch alles ausgesessen und damit Deutschlands höchster Chairholder-Value erreicht wird.

Sitzen ist aber der falsche Ansatz. Wirtschaft ist feucht-fröhlich - und läuft ganz von alleine. Zumindest im Rheinland, meint der Kölner Karnevalist Jürgen Becker. Der Rheinländer stellt sich an die Theke und sagt zum Nachbarn: "Häs de och kin Jeld, dat es janz ejal, drenk doch eine met, und kümmer dich nit dröm."

Keineswegs aus karitativen Erwägungen, sondern aus der festen Überzeugung heraus, dass der Umsatz langfristig am größten ist, wenn alle irgendwie mittrinken.

Pragmatiker Becker empfiehlt, die Karnevalsvereine sollten sich um die Arbeitslosen kümmern: "Da kriegt jeder Getränkebons, da bekommt er Frikadellen, Nudelsalat und ein lecker Mädche. Das ist alles, was ein Rheinländer braucht: Müffele, Süffele und Annemarie - Essen, Trinken und ein bisschen Liebe."

Und weil man sich das ganze Jahr für den Karneval und den Umzug vorbereiten müsse, gebe es auch permanent Feste zu feiern. Becker: "Insofern bietet der Kölner Karneval das Modell, ohne Vollbeschäftigung die Menschen voll zu beschäftigen."

Das Modell scheint sich auf den ersten Blick nicht auf dem hohen Niveau der Denker zu bewegen, die sich mit der komplexen, einschlägigen Wissensmaterie beschäftigen, und über die Kurt Tucholsky schrieb: "Nationalökonomie ist, wenn die Leute sich wundern, warum sie kein Geld haben. Das hat mehrere Gründe: Die feinsten sind die wissenschaftlichen." Zu Recht hat dieser Autor bereits vor 80 Jahren festgestellt, über die ältere Nationalökonomie könne "man ja nur lachen und dürfen wir selbe daher nur mit Stillschweigen übergehen. Sie regierte von 715 v. Chr. bis zum Jahre 1 nach Marx. Seitdem ist die Frage völlig gelöst: Die Leute haben zwar immer noch kein Geld, wissen aber wenigstens warum."

Doch Becker ist auch theoriebewandert. Er hat das "Mysterium des rheinischen Kapitalismus" untersucht, der sich deutlich vom Neoliberalismus nach angelsächsischem Vorbild unterscheidet. Die Amerikaner sind auf schnellen Gewinn und das große Geld aus. Diese Art Leistungsgesellschaft setzt der Rheinländer außer Kraft, wenn er sagt: "Mer muss ers mal janix!" Und da der Kölner permanent im Karneval ist - wie Becker analysiert -, prägt der das System. Kein Wunder, dass dieses System exportiert worden ist. Schließlich hat Karl Marx in Köln gelebt und gesehen, wie die Roten Funken, einer der traditionsreichen Karnevalsvereine, mit ihren roten Fahnen aufmarschiert sind. Becker: "Und dann hat Marx gesagt, das muss doch am Aschermittwoch nicht vorbei sein. Das können wir auch am 1. Mai machen." Und wie den Kölner Karneval hat der Russe den Kommunismus immer verstanden - jede Menge Paraden, alles säuft, und keiner arbeitet.

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