Der Wirtschaftsbeschleuniger Algorithmen bedienen das Mittelmaß

Algorithmen erfüllen ihren Zweck: Sie machen Dinge effizienter. Für Kreativität bieten sie jedoch kaum Lösungen. Manchmal ist es klug, über den Tellerrand hinauszuschauen – denn dort lassen sich glänzende Ideen finden.
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Der studierte Physiker Vince Ebert ist Kabarettist, Vortragsredner und Bestsellerautor. Mit seinem Bühnenprogramm „Zukunft is the Future“ ist er deutschlandweit auf Tournee.
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Der studierte Physiker Vince Ebert ist Kabarettist, Vortragsredner und Bestsellerautor. Mit seinem Bühnenprogramm „Zukunft is the Future“ ist er deutschlandweit auf Tournee.

Haben Sie sich schon einmal gefragt, wieso in den letzten Jahren die meisten Automodelle immer ähnlicher aussehen? Ich habe mich dazu vor einiger Zeit mit einem Fahrzeugdesigner unterhalten und der erklärte mir: „Wissen Sie Herr Ebert, inzwischen designen wir alle unsere Modelle mit Hilfe von Computer-Algorithmen. Einer leistungsfähigen Design-Software, die einen großen Nachteil hat: Sie baut kein überraschendes Moment ein. Sie macht die Karosserie möglichst windschlüpfrig und optimiert die Knautschzone. Doch Optimierung ist halt nie originell.“

Früher war das anders. Da mussten Fahrzeug-Designer noch ohne Computer Modelle entwerfen. Mit Papier, Bleistift und mit ihrem eigenen Kopf. Dabei konnten sie ihrer Phantasie freien Lauf lassen und herumspinnen. Gerade dadurch sind diese ganzen individuellen, wunderschönen Formen entstanden: Der VW Käfer, die Ente oder der Citroën DS. Vermutlich wäre keine Designersoftware auf die Form des Porsche 911 gekommen.

Computer mögen irrsinnig effektiv sein, aber sie sind eben auch irrsinnig unkreativ. Mathematisch gesprochen konzentrieren sich Rechner stets auf die Mitte der Gaußschen Glockenkurve, auch Normalverteilung genannt. Diese Kurve repräsentiert im Grunde eine typische Kundenverteilung. Im mittleren Bereich tummeln sich die meisten. Und die sind relativ gut berechenbar: Die gucken sonntags Tatort, sind verheiratet, haben ein Reihenhäuschen und hören Helene Fischer. Zumindest heimlich. Links und rechts an den Rändern befinden sich die Außenseiter, die Freaks: Die hören Free-Jazz, haben auf ihrem Rechner Linux installiert und gucken Arte-Themenabende über hebräische Käseschachtelfabrikanten. Und sind auch noch stolz drauf.

Das Problem an der Sache: Die Außenseiter sind für Algorithmen vollkommen uninteressant. Und zwar aus zwei Gründen. Einerseits sind sie ziemlich unberechenbar, andererseits fallen sie aufgrund ihrer geringen Zahl betriebswirtschaftlich sowieso nicht groß ins Gewicht. Deshalb schneidet jeder computergestützte Algorithmus die Ränder der Glockenkurve einfach ab. Unglücklicherweise passieren aber gerade dort die spannenden Sachen, denn hier ist Platz für Neugier und für die Möglichkeit, Dinge unter einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Golf in einer Telefonzelle

Dazu ein kleines Beispiel aus der Business-Welt: In den achtziger Jahren bekam der Golfprofi Jack Nicklaus den Auftrag, auf Grand Cayman einen 18-Loch-Golfplatz anzulegen. Blöderweise ist die Insel viel zu klein, um so einen riesigen Platz zu bauen. Wie also konzipiert man einen 18-Loch-Golfplatz auf einer Insel mit der Größe einer Telefonzelle? Das war unmöglich.

Aber Jack Nicklaus fand trotzdem eine Lösung, indem er das Problem aus einer anderen Perspektive betrachtete: „Was muss ich verändern, damit ich einen 18-Loch-Golfplatz auf kleinstem Raum bespielen kann?“ Er dachte nach und entwickelte einen speziellen Cayman-Ball, der bei gleicher Schlagkraft nur halb so weit fliegt. Clevere Frage – brillante Antwort.

Unternehmen, die sich mehr und mehr auf die Leistungsfähigkeit von Big Data und Algorithmen verlassen, agieren zwangläufig in der Mitte der Glockenkurve. Das ist erst mal nicht unklug, denn dort werden nun mal die Brötchen verdient, dort wird Umsatz generiert.

Doch im Mittelmaß fischt man eben immer nur im Bekannten, im Üblichen, im Langweiligen. Konsumenten möchten jedoch von Zeit zu Zeit überrascht werden. Sie wollen über den Tellerrand hinausschauen. Ab und an wollen wir alle mit unseren Gewohnheiten brechen. Wir wollen sehen, was an den Rädern der Glockenkurve vor sich geht.

Zukunftsfähige Unternehmen tun also gut daran, diesen Bereich nicht komplett zu ignorieren. Denn ansonsten läuft man Gefahr, seine effizienten Produkte zu Tode zu optimieren und die spannenden Innovationen an den Rändern zu übersehen. Wissen Sie, warum Sony damals den MP3-Player nicht weiterverfolgt hat? Weil sie glaubten, dass nur wenige Nerds über digitale Medien Musik hören werden. Stattdessen blieben sie stoisch in der Mitte der Glockenkurve, denn dort wollten sie sich nicht das lukrative Geschäft mit dem Walkman kaputt machen. Hat ja bekanntlich super geklappt ...

Mehr Infos über den Wissenschaftskabarettisten und Bestsellerautor finden Sie unter www.vince-ebert.de.

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