Wirtschaftsmacht Indien: Teil 1
Die Geburt einer neuen Wirtschaftsmacht

Nach langem Schlummer rührt sich in Asien ein neuer Riese. Indien schüttelt die Fesseln der Vergangenheit ab und richtet sich auf. Wie im Falle Chinas löst das wirtschaftliche Erwachen einer Nation mit über einer Milliarde Einwohnern Erschütterungen aus, welche die Welt zunehmend spürt. Teil eins der Handelsblatt-Serie über Indiens Aufstieg.

Seit den 60er Jahren quetscht sich Navinder Kalra von morgens bis abends hinter ein Holztischlein in seinem winzigen Fahrradladen. Der Ausschnitt der Welt, den er von dort überblickt, sah lange gleich aus. An Kalras Geschäft auf dem Khan Market im Zentrum Delhis fuhren früher überwiegend schneeweiße Autos des Typs „Ambassador“ vorbei. In diesen schrulligen Nachbauten eines britischen Morris’ aus den 50er Jahren ließen sich Bürokraten und Politiker zu der Einkaufsgegend kutschieren. Außer ihnen waren wenige in Delhi motorisiert. Das Volk fuhr Bus oder Fahrrad. Daher gingen Kalras Geschäfte gut.

Doch seit einigen Jahren wird der Khan Market von Veränderungen erfasst, die den ergrauenden Händler in Staunen versetzen. „Man hat mir gerade 30 Millionen Rupien für den Kauf meines Ladens geboten“, wundert er sich, das entspricht über einer halben Million Euro und ist eine unerhörte Summe in Indien. Als Miete für die paar Quadratmeter werden ihm umgerechnet 5 000 Euro pro Monat in Aussicht gestellt. Seine Fahrräder tragen dem Händler nur einen Bruchteil davon ein, und seine Geschäfte laufen von Jahr zu Jahr schlechter. „Alle werden reicher“, beobachtet Kalra, „die Leute kaufen jetzt Motorräder.“ Und wer zuvor einen Motorroller fuhr, der kauft sein erstes Auto. Daran lässt der immer hoffnungsloser verstopfte Parkplatz vor seinem Laden keinen Zweifel. „Ambassadors“ stehen dort fast keine mehr. Selbst Indiens Verwaltung stellt auf Hondas, Hyundais und Toyotas um.

Der Ladenblock ist ein Barometer für den steigenden Wohlstand in Indiens Metropolen und verrät einiges über die Entwicklung, die das Land nimmt. Auf den ersten Blick sieht das staubige, von Bettlern umlagerte Geviert zwar nicht nach einer gehobenen Einkaufsgegend aus. Aber der erste Blick kann in Indien leicht täuschen. Die Gegend ist zum Tummelplatz einer neuen Mittel- und Oberschicht geworden. Diese Klasse setzt jetzt die Konsumtrends, und ihre Kaufkraft zählt, nicht mehr die der alten Elite aus Politikern, Bürokraten und eingesessenen Unternehmerfamilien. Für diese neue Schicht und ihre westlichen Ansprüche entstehen Restaurants, teure Boutiquen, Galerien, Kosmetik- Shops und Cafés, in denen ein Milchkaffee fast so viel kostet wie in Berlin. Lifestyle-Läden verdrängen rund um Kalras Geschäft die angestammten Buchläden und Tuchhändler. Der Fahrradverkäufer harrt aus, solange der Wert seiner Immobilie jedes Jahr um die Hälfte steigt. Aber bald wird auch er verkaufen. Dann muss niemand in seiner Großfamilie mehr arbeiten.

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