„Wirtschaftsmacht Indien“ – Teil 10
Indiens Vorzeigemetropole bekommt Kratzer

Indiens Metropolen erwecken nicht den Eindruck, als sei das Land auf dem Weg zu einer globalen Wirtschaftsmacht. Selbst in Bangalore gefährdet politischer Schlendrian den Boom. Über der Zukunft von „Asiens Silicon Valley“ liegt ein Schatten. Doch wie vieles in Indien kann auch die schäbige äußere Hülle seiner Städte trügen.

Bangalore hat ein Luxusproblem: Die fortschrittlichste Stadt des Landes würgt an ihrem Wachstum. Bereits Staatsgründer Nehru wollte sie in „Indiens Stadt der Zukunft“ verwandeln. Jahrzehntelang investierte die Regierung in Spitzenuniversitäten und staatseigene Betriebe aus Wissensindustrien wie Luft- und Raumfahrt oder Rüstung. Dank einer Kombination aus Liberalisierung, ausländischem Kapital und lokalen Unternehmern geht die Saat seit zehn Jahren auf. Nun versäumt es der Staat, den steilen Aufstieg der Metropole zu Reichtum, Ruhm und zu einem der führenden Technologiezentren der Welt abzusichern.

Das einstige Rentnerparadies schmückt sich noch immer mit dem Beinamen „Gartenstadt“, aber die gute Luft, für die sie lange berühmt war und die früher Pensionäre aus dem ganzen Land anlockte, sie ist verflogen. Beißende, graublaue Abgasschwaden hüllen Asiens Silicon Valley in einen schmierigen Dunst, der die Lungen ätzt und klopfende Kopfschmerzen auslöst. Der Verkehr wird gelähmt von einem zeitfressenden Dauerinfarkt, und ein frustriertes Hupkonzert zerrt zusätzlich an den Nerven. Indiens größte wirtschaftliche Erfolgsgeschichte wird dem Boom nicht mehr Herr. Spätestens auf dem Weg zu einem seiner weltberühmten Softwareparks leistet Bangalore den Offenbarungseid.

Zur SAP im IT-Park Whitefield etwa führt ein von Kratern durchlöchertes Asphaltband, das aussieht wie nach einem Flächenbombardement. Die Ingenieure dort kommunizieren mit Lichtgeschwindigkeit mit dem fernen Haupt- quartier in Walldorf, aber die zwölf Kilometer lange Fahrt aus dem Zentrum zu ihnen dauert anderthalb Stunden. Bislang konnten Indiens Infrastrukturdefizite seine IT-Industrie nicht stoppen. Doch im Epizentrum ihres Erfolgs gelangt selbst diese Boombranche an Grenzen. Wegen der langen Anfahrtszeit sehen viele SAP-Mitarbeiter kaum noch ihre Familien. Um sie überhaupt ins Büro zu schaffen, ist der Softwarekonzern zum Fuhrunternehmer geworden und hat mit 50 eigenen Bussen 25 Linien quer durch die Stadt eingerichtet. Auch andere elementare Infrastruktur muss das Unternehmen teuer selbst schaffen: Wasser kommt per Tankwagen, der Strom fällt jeden zweiten Tag aus und wird dann durch riesige Generatoren ersetzt. Weil zu allem Überdruss auch die Löhne in Bangalore schneller steigen als irgendwo sonst in Indien, expandiert die SAP nun in Delhi und nicht länger in Bangalore. Immer mehr Technologiefirmen fahren ihre Expansion herunter.

Bangalores Probleme sind die Folge von langem, spektakulärem Wachstum. Die Wirtschaftsleistung der Stadt wuchs im vergangenen Jahrzehnt im Schnitt mit zwölf Prozent pro Jahr und damit ähnlich schnell wie in Schanghai. 1991 waren erst ein Dutzend IT-Firmen ansässig. 2005 waren es 1500, und fast täglich kommen neue hinzu. Dieser dichte Innovations-Cluster ist für Indiens Wirtschaft von enormer Bedeutung: Er generiert 40 Prozent ihrer Dienstleistungsexporte und 15 Prozent aller Warenausfuhren. Ohne Wimpernzucken opfert Bangalore sein beschauliches Stadtbild einem wild wuchernden Fortschritt. Über Nacht weichen Gärten und bonbonfarbige Kolonialbungalows gesichtslosen Hochhäusern, Einkaufszentren oder Apartmentblocks. Die Einwohnerzahl hat sich innerhalb von 25 Jahren auf 6,5 Millionen verdoppelt – aber wie in anderen indischen Städten wächst die öffentliche Infrastruktur nicht mit.

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