Wirtschaftsmacht Indien: Teil 3
Software statt Schlangenbeschwörer

Statt mit Gurus und Slums macht Indien plötzlich als Technologienation Schlagzeilen, die Europa hochwertige Arbeitsplätze streitig macht. Nachdem sich China zu ihrer verlängerten Werkbank aufgeschwungen hat, ist das Land zum verlängerten Büro der Welt geworden und zu ihrem ausgelagerten Forschungslabor. Der Wettbewerbsdruck erfasst auch Deutschland.

Auf den ersten Blick gleicht die Hosur Road unzähligen indischen Ausfallstraßen. Heiß und staubig, übersäht von Schlaglöchern und chronisch verstopft, windet sie sich aus Bangalores schattig-grünem Stadtzentrum nach Süden hinaus aufs flache, arme Land. Kleinwagen, Autorikschas und Klapperbusse kämpfen sich darauf im Schritttempo durch eine ätzende Abgaswolke. Doch unter diesem pockennarbigen Asphaltband pumpen Datenkabel das Wissen von zehntausenden Ingenieuren mit Lichtgeschwindigkeit in alle Welt. Das macht die Hosur Road zum Sinnbild des modernen Indien: ein bitterarmes Schwellenland, das im Zeitraffer mehrere Entwicklungsstufen überspringt und sich zum neuen Wettbewerber des Westens im Hochtechnologiebereich aufschwingt. Auf den ersten Blick sieht die Hosur Road nicht danach aus, aber diese Straße ist eine Schlagader der Globalisierung. An ihr haben sich Firmen wie Siemens und Hewlett-Packard niedergelassen, in Glaspalästen, wie sie auch in München oder Palo Alto stehen könnten.

Indiens Standortvorteile nutzen nicht nur Softwarehäuser, sondern Unternehmen aus allen wissensintensiven Branchen, zum Beispiel der Autoindustrie. In einem teutonisch nüchternen, mit grauem Granit verkleideten Block an der Hosur Road hat die Robert Bosch GmbH ihr Entwicklungszentrum aufgeschlagen. Es ist innerhalb weniger Jahre zum größten außerhalb Deutschlands herangewachsen. Hier entwerfen indische Ingenieure Navigationssysteme und Software für Motorsteuerungen, die in keinem Fahrzeug auf der Straße davor Verwendung finden, sondern in Deutschland, Japan oder den USA. „Der internationale Wettbewerb lässt Bosch keine Alternative“, erklärt Walter Grote. Nüchtern stellt der Leiter des Zentrums das Grundprinzip des globalen Kapitalismus klar: „Arbeit wird dort gemacht, wo sie weltweit am besten und am günstigsten ist.“ Das ist selbst bei anspruchsvoller Forschung und Entwicklung in vielen Fällen nicht mehr auf der Schwäbischen Alb, an der Isar oder in Kaliforniens Silicon Valley, sondern in Bangalore, Hyderabad und Chandigarh. An solche Zungenbrecher werden sich Deutsche gewöhnen müssen. Dort sitzen immer mehr ihrer Kollegen, manchmal sogar ihre neuen Chefs.

Ein indischer Ingenieur verdient nicht einmal ein Viertel eines deutschen. Er spricht Englisch, und es gibt viele davon: Jährlich verlassen rund 250 000 die Universitäten, viermal mehr als in den USA. Zählt man Indiens weniger gute Fachhochschulen hinzu, bildet das Land sogar noch viel mehr Ingenieure aus. Wissen entscheidet im 21. Jahrhundert in allen modernen Industrien über Erfolg am Markt, und diese Ressource ist zu Indiens kostbarstem Exportgut geworden. Es verdient damit neuerdings mehr als mit Textilien, Tee und Gewürzen, die über Jahrhunderte seine wichtigsten Ausfuhren darstellten. Manager wie Grote, die Indien sein Wissen abhandeln, sind entfernte Nachfahren von Kaufleuten im Dienst der Fugger und Welser. Diese kamen im 16. Jahrhundert als erste deutsche Geschäftsleute ins Land. Sie suchten wie Portugiesen, Holländer, Franzosen und Briten nach dem Gold ihrer Zeit: Pfeffer. Heute reißen sich Firmen aus aller Welt um Indiens Ingenieure, Chemiker, Mathematiker und Finanzexperten. Sie tun das mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der Energiekonzerne Öl- und Gasfelder von Sibirien bis Afrika kaufen oder Karstadt T-Shirts in Vietnam ordert.

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