Wirtschaftsmacht Indien: Teil 4
Unser Wissensmonopol bröckelt

Indien fordert den Westen in einem kritischen Punkt heraus: Es schmälert den Wissensvorsprung, dem die etablierten Technologienationen ihren Wohlstand verdanken. In indischen Boomstädten gerät eine zentrale Annahme vieler Europäer ins Wanken: Dass Dienstleistungen und Hochtechnologie ausreichend Wachstum und Arbeitsplätze sichern werden.

Seit der Renaissance haben Europa und später Amerika technologisch die Oberhand über den Rest der Welt gewonnen. Die Entfesselung des Wissens von den Ketten der Religion gab den Anstoß zur Modernisierung ihrer Gesellschaften und Wirtschaftssysteme. Bald stellten kleine Länder wie Großbritannien die bisherigen ökonomischen Riesen der Welt in den Schatten: China und Indien. Doch im 21. Jahrhundert verliert der Westen sein Monopol auf den Kapitalismus und auf Wissensindustrien.

Von Clas Neumanns Bürofenster im obersten Stock des SAP-Entwicklungszentrums in Bangalore aus offenbart sich ein Epochenbruch. „Hier sitzt Oracle, dort Microsoft, da drüben Dell und dort Perot Systems“, zählt der Manager von seinem Schreibtisch aus gesichtslose Glaskuben ab. Er ist ein Mann der ersten Stunde, hat die SAP-Filiale in Bangalore mit aufgebaut und auf ihre heutige Größe hochgepäppelt. Gleichzeitig hat er miterlebt, wie in wenigen Jahren fast jeder zum Nachbarn wurde, der in der Technologiebranche Rang und Namen hat. „Hier ist ein Weltklasse-Innovations-Cluster entstanden“, meint Neumann und schwärmt von Bangalores „sich ständig selbst neu befruchtendem Ökosystem“. Er findet es vergleichbar mit dem Silicon Valley und in mancher Hinsicht sogar besser – nicht nur wegen der Verfügbarkeit von Softwareexperten, deren Zahl dort mittlerweile höher liegt als in Kalifornien. „Die Innovationskraft pro Mitarbeiter liegt in Indien höher als in Deutschland oder den USA“, meint er.

In Bangalore gebiert sich Indiens Wirtschaftsboom besonders gefräßig. Vor Neumanns Haustüre planieren Bagger Palmenhaine und schachten neue Baugruben aus für Gebäude, die noch mehr Softwareentwickler aufnehmen werden und Ingenieure und Forscher. Der Blick des SAP-Managers gleitet über Kräne und halbfertige Rohbauten zu einem grauen Flachbau, dem John F. Welch Tech- nology Center. Dort forschen 2 200 Spitzenkräfte aus verschiedensten Bereichen für den US-Riesen General Electric an neuen Ultraleicht-Materialien, Kühltechniken oder Antriebsmethoden für Düsentriebwerke. Sie bereiten zusammen mit Kollegen in Amerika Innovationssprünge vor, die über die Zukunft des Konzerns entscheiden. Bei der Einweihung erklärte der damalige Konzernchef Jack Welch: „Indien ist ein Entwicklungsland. Aber seine großartige Wissenschaftsinfrastruktur entspricht einem entwickelten Land.“

Angesichts der Wissenstransfusion in indische Köpfe ist es nur eine Frage der Zeit, bis in dem Land eine revolutionäre Software oder ein neues Medikament entsteht. Einheimische und ausländische Firmen arbeiten in ihren indischen Labors bereits hart an solchen Innovationen. Als Folge der aufblühenden Forschungsanstrengungen indischer und westlicher Konzerne steigt die Zahl aus Indien angemeldeter Patente stark an, wenn auch von einem niedrigen Niveau. Richtig in Schwung kam dieser Prozess erst nach der Jahrtausendwende. Doch alleine in den Jahren 2003 und 2004 hatten indische Töchter von US-Firmen schon mehr Patente angemeldet als Bell Labs, die größte privatwirtschaftliche Forschungsorganisation der Welt. Mit der Verlagerung von Produktforschung nach Indien erreicht die Globalisierung schneller als erwartet einen neuen Höhepunkt. Wenn Konzerne mit dem innovativen Kern ihrer Existenz überhaupt ins Ausland gingen, dann in andere entwickelte Länder.

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