„Wirtschaftsmacht Indien“ – Teil 9
Die Bildungsrevolution in Indiens Dörfern

Indiens Wissensindustrien boomen. Für Millionen Ungelernte fehlen Beschäftigungschancen im verarbeitenden Gewerbe. Doch die Ärmsten sorgen selbst dafür, dass sich die Bedingungen für einen Strukturwandel zu ihren Gunsten verbessern.

Bezeichnenderweise spielen Marktkräfte die Hauptrolle bei der Beseitigung einer Ungerechtigkeit, an deren Abschaffung Indiens Politiker seit Jahrzehnten scheitern: der beschämend schlechten Schulbildung der breiten Masse. Selbst in den ärmsten und den entlegensten Ecken ihres Landes schicken arme Inder ihre Kinder zunehmend in profitorientierte Privatschulen. Dieser Weg war lange der Oberschicht vorbehalten. Sie hat die Ausbildung ihres Nachwuchses noch nie dem staatlichen Schulsystem überlassen, sondern bezahlt ihnen private Institute mit hochtrabenden Namen wie Modern School, St. Joseph’s, Springdales oder Cambridge School. Deren Abschlusszeugnis ist die Eintrittskarte für eine gute Karriere.

Die Armen haben den Zusammenhang verstanden. „Ohne Bildung bekommt niemand eine gute Anstellung“, weiß Maheshvari. Sie trägt einen giftgrünen Sari, hockt unter einem rostigen Wellblechdach vor ihrer Hütte auf der blanken Erde und schüttelt laut lachend den Kopf auf die Frage, ob ihre Kinder auf eine Staatsschule gehen. „Da lernen sie doch nichts“, erklärt die resolute Mutter, „schon gar kein Englisch.“ Die Näherin lebt in Ullalu Uppanagar, einer von ölig schimmernden Abwasserrinnsalen durchzogenen Ansammlung von Strohhütten am Schmuddelrand der High-Tech-Metropole Bangalore. Für ihre zwei Kinder zahlt die Analphabetin je 3 600 Rupien im Jahr Schulgeld, rund 80 Dollar. Das ist sehr viel in ihrem Viertel. Aber wie Maheshvari machen es viele Eltern in Ullalu Uppanagar und in den Armenvierteln anderer Städte.

In einer Untersuchung kamen Forscher der Universität Newcastle zu dem Ergebnis, dass von 1000 Schulen in den Slums von Indiens zweiter Technologiemetropole Hyderabad zwei Drittel privat finanziert sind. Diese Privatschulen sind von unterschiedlicher Qualität, oft nicht akkreditiert, und manche werden von Scharlatanen geführt. Die billigsten verlangen nur 500 Rupien pro Jahr und Kind. Aber alle bedienen einen Wachstumsmarkt, an dessen Sättigung der Staat scheitert: steigende Ansprüche an soziale Mobilität und gute Jobs.

„Meine Kinder sollen mal Ingenieure werden“, begründet Maheshvari ihre hohen Aufwendungen. Ob der Traum wahr wird und einer ihrer Söhne je in einem der Glaspaläste von Bangalores IT-Industrie Anstellung findet, steht in den Sternen. Aber zumindest wagt sie den Schritt aus dem Teufelskreis von Unwissenheit und Armut, in dem ihre Familie seit Generationen gefangen war. Sie tut das, weil sie eine realistische Chance auf Erfolg sieht. Wie sie vertrauen immer mehr Inder darauf, dass Kinder mit der richtigen Ausbildung dem lange als gottgegeben angesehenen Schicksal einer niedrigen Kaste und wirtschaftlicher Ausgrenzung entfliehen können – und sind bereit, dafür zu bezahlen. „Erstmals in der Geschichte erkennen die Armen, dass sie aus eigenem Antrieb ihr Leben verbessern können“, beschreibt der Globalisierungsökonom Jagdish Bhagwati diesen Paradigmenwechsel. Sie tun das friedlich und bevorzugt über den Weg der Bildung. So verändert sich Indien: durch Millionen von für sich genommen unbedeutenden Entscheidungen.

Seite 1:

Die Bildungsrevolution in Indiens Dörfern

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%