Wissenschaftler zweifeln an der Wirkung
Die Wellness-Welle

„Wellness“ boomt, wird am Anfang des 21. Jahrhunderts zum Megatrend. Die Wirtschaft profitiert davon, der Markt wächst in Deutschland seit 1999 mit 5 bis 6 Prozent pro Jahr beständig an.

HB/dpa HAMBURG. Der Wellness-Trend hängt viele andere Bereiche der Wirtschaft ab, das konstatiert die Zeitschrift „Psychologie heute“ in ihrer August-Ausgabe. Die privaten Konsumausgaben in Deutschland für Wellness-Produkte und -Dienstleistungen in diesem Jahr werden auf rund 41 Milliarden Euro geschätzt, sagte der nichtkommerzielle Deutsche Wellnessverband (Düsseldorf) dazu der dpa auf Anfrage. Der Markt wachse seit 1999 mit 5 bis 6 Prozent pro Jahr beständig an.

Die Beiträge der „Psychologie heute“-Titelgeschichte machen deutlich, dass es offenbar in erster Linie psychologische und emotionale Motive sind, die - alle diese „Oasen“ des „Wohlfühlens“, der „königlichen Entspannung“, des „rundum Glücklichseins“ und „Auftankens“ einschließlich „Gourmet-Tempel“. Etwa als „Gegenwelt zur urbanen Reizwelt“.

Sinnfinden und Auftanken

Da ist der Wunsch, „einmal so richtig verwöhnt zu werden“. Manchen geht es auch um so etwas wie „Sinnfindung“ oder um „Selbstoptimierung“ in Bezug auf Leistung und Erfolg. Hier scheint das Wellnessangebot zwei verbreiteten Orientierungen hier zu Lande entgegenzukommen - der auf Genuss und der auf Leistung. Was speziell Frauen angeht, so besteht bisweilen der Eindruck, dass sie in der Wellnessabteilung Bedürfnisse decken, die zu Hause unbefriedigt bleiben.

Der von der dpa zu den Motiven befragte Soziologieprofessor Erwin K. Scheuch aus Köln glaubt nicht, dass eine in der Titelgeschichte hervorgehobene „ständige Überforderung“ im Alltag einen entscheidenden Anteil am Boom hat. Da heißt es, dass manche Nutzer des Angebots damit ihren „rasenden und verschleißenden Lebensstil“ kompensieren, auftanken für den „alltäglichen Wahnsinn“.

In einer Beurteilung im „Materialdienst“ der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW, Berlin) wird die „große Lust auf Wellness“ in Beziehung gesehen zur „Erlebnisgesellschaft“, wie sie der Soziologe Gerhard Schulze in seinem gleichnamigen Buch beschrieben hat. Dem Professor an der Universität Bamberg erscheint in der Erlebnisgesellschaft nicht die äußere Wirkung einer Handlung entscheidend, sondern die innere Wirkung auf den Handelnden: Der Handelnde strebt ein bestimmtes Erlebnis an.

Die Suche nach dem Glück

Ein Beispiel Schulzes: Kaufe ich eine Brille, um besser sehen zu können, handle ich außenorientiert. Kaufe ich eine Brille, um mich besser zu fühlen, handle ich innenorientiert. In der Erlebnisgesellschaft dominierten die subjektiven Erlebniswerte von Produkten oder Handlungen die Gebrauschswerte und objektiven Ergebnisse. Der EZW-Beitrag macht im Wellness-Trend ausschließlich eine Innenorientierung aus.

Als Folie, auf dem dieser Trend seine Anziehungskraft entfaltet, werden tatsächliche oder auch nur eingebildete Stresserfahrungen genannt. Hier komme das bekannte Gefühl auf: „Man gönnt sich ja sonst nichts“. Auch eine „narzisstische Note“ wird verzeichnet, also ein gewisses Verliebtsein in sich selbst.

Auch der Soziologieprofessor Rolf von Lüde (Universität Hamburg) unterscheidet hier zwischen außen- und innenorientierten Zielen. Außenorientierte, „etwa den Kilimandscharo zu besteigen oder den Marathonlauf mitzulaufen, sind leichter zu erreichen als innenorientierte Vorstellungen auf der Suche nach Glück“, sagte er im Gespräch mit der dpa. „Wir nehmen uns ja dabei selber mit und müssen unsere Erlebnisse konstruieren. Da kann natürlich ein wenig von außen nachgeholfen werden. Lassen wir uns jedoch nicht täuschen.“

Wellness stärkt Genussfähigkeit

Es scheint dem Professor bei dieser Glückssuche jedenfalls in Verbindung mit den Heilsversprechungen des Wellness-Gedankens hohe Risiken des Scheiterns zu geben. Die Steigerung des Erlebens und das Versprechen von Glück seien riskante, weil enttäuschungsbehaftete Vorgaben. Der Soziologe sieht in Ästhetik, Genuss und vor allem Distinktion (Besonderssein) die heimlichen Botschaften der Wellness-Erlebnis- Anbieter, die damit eine gut gebildete und zahlungskräftige Klientel im Auge hätten.

Von Lüde hält es für gut möglich, dass diese Angebote Genussfähigkeit stärken und Distanz zum Alltag schaffen können. Aber ob sie sich auf dem Markt nachhaltig etablieren können, hängt nach seiner Einschätzung neben der Qualität auch davon ab, welche neue Welle an noch endgültigerem Erleben im Anschluss an das Wellness- Konzept von Marketingstrategen ersonnen wird.

Den Vorsitzenden des Deutschen Wellnessverbandes, Lutz Hertel, stört an der Marktentwicklung „die Tatsache, dass der Begriff Wellness auf auf Grund seiner Potenz inzwischen vielfach missbraucht wird. Nicht überall, wo Wellness draufsteht, ist auch Wellness drin“, wie er sagte. „Daher ist auch die zuverlässige Abschätzung des tatsächlichen Marktvolumens eine diffizile Angelegenheit.“

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