Zahnarztkrimi um Uniklinik: Bewährungsstrafe für Ex-Chef der Uniklinik Düsseldorf

Zahnarztkrimi um Uniklinik
Bewährungsstrafe für Ex-Chef der Uniklinik Düsseldorf

Acht Monate auf Bewährung: So lautet das Urteil gegen Wolfgang Raab. Der frühere Ärztliche Direktor ließ fremde Hände arbeiten und rechnete ab. Sein Anwalt kündigt Revision an. Der Uni Düsseldorf bleibt ein Imageschaden.
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DüsseldorfRegungslos lauschte Wolfgang Raab den Worten von Volker Geißels. Der vorsitzende Richter der 14. Großen Strafkammer am Landgericht Düsseldorf hatte soeben sein Urteil gesprochen. Professor Raab bekommt wegen Untreue eine Haftstrafe von acht Monaten auf Bewährung. Er muss außerdem 10.000 Euro an den Förderverein der Universität bezahlen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Die Zuschauer im Saal E127, darunter Raabs Ehefrau und mehrere Mitarbeiter des Klinikums, verfolgten den Richterspruch mucksmäuschenstill. Manche von ihnen hatten allenfalls eine Geldstrafe erwartet.

„Gewerbsmäßiges Handeln"

Dann sagte Richter Geißels Worte, die niemand gerne über sich hört. Schon gar nicht, wenn er weit über die Stadt hinaus als Klinik-Retter und hervorragender Zahnmediziner bekannt ist, von dem sich reiche Patienten aus aller Welt behandeln lassen. Von einem „besonders schweren Fall“ ist nun die Rede. Von „gewerbsmäßigem Handeln“. Und von der „Absicht, sich eine Einnahmequelle zu verschaffen“.

Wolfgang Raab war angeklagt, weil er in seiner Privatpraxis an der Düsseldorfer Uniklinik über mehrere Jahre einen wissenschaftlichen Mitarbeiter beschäftigte, den die Universität eigentlich für Forschung und Lehre bezahlte. Statt Studenten zu betreuen, ließ ihn Raab vor allem Privatpatienten behandeln. Die Rechnungen aber stellte der Professor. Zum Prozessauftakt sagte der Staatsanwalt, Raab habe insgesamt rund 2,2 Millionen Euro abgerechnet, aber nur 0,139 Prozent der Leistungen selbst erbracht. Die Staatsanwaltschaft warf dem Angeklagten schwere Untreue vor und bezifferte den Schaden für die Universität zunächst auf 350.000, später noch auf rund 200.000 Euro. Nach einer Überprüfung ging die Strafkammer nur noch von etwas mehr als 28.000 Euro Schaden aus.

Das reichte Richter Geißels aber, um Raab zu einer Haftstrafe zu verurteilen. Der Professor hatte sich für unschuldig gehalten, weil die Verwaltung der Klinik über all sein Tun Bescheid gewusst habe. Das Gericht sah es anders: „Der Angeklagte hatte zu erkennen, dass die wirtschaftlichen Interessen der Uniklinik beeinträchtigt werden und nahm dies billigend in Kauf“, sagte Geißels in seiner Urteilsbegründung. „Er hatte die tatsächliche Gewalt darüber zu entscheiden, wo der wissenschaftliche Mitarbeiter eingesetzt wird.“

„Um im Training zu bleiben"

Die Macht hatte Raab tatsächlich – und zwar über das gesamte Klinikum. Im Jahr 2006 berief ihn der Aufsichtsrat zum Ärztlichen Direktor und Vorstandschef. Bis 2013 stand er an der Spitze der Uniklinik. „Um im Training zu bleiben“, ließ sich der Professor in seinem Vertrag das Recht einräumen, vier bis sechs Stunden in der Woche weiter in seiner Privatpraxis zu arbeiten. Doch schnell zeigte sich: Das reichte bei weitem nicht aus, um den Patientenansturm zu bewältigen. Schließlich behandelte ein wissenschaftlicher Mitarbeiter an 32,75 Stunden in der Woche Patienten für Raab.

All das wäre wohl kein Problem gewesen, hätte der Professor es sich schriftlich genehmigen lassen. Den Einsatz von wissenschaftlichem Personal ließ er aber nicht in seinem Vertrag als Klinikchef festschreiben. „Wenn der Erhalt des Patientenstamms so ein wesentlicher Punkt gewesen sein soll, hätte doch nichts näher gelegen, als das schriftlich zu regeln“, erklärte der Richter. So sei der Universität aber unterm Strich ein Vermögensnachteil von 28.348,96 Euro entstanden, den Raab zu verantworten habe.

Und nicht nur das: Die Lehre sei eine Kernaufgabe der Universität. Würde das gesamte wissenschaftliche Personal nur noch Zahnarztleistungen erbringen, ergäbe sich zwar ein erheblicher Gewinn für das Klinikum. Die Universität würde aber ihrer eigentlichen Aufgabe nicht mehr gerecht werden, nämlich Studenten auszubilden und die Versorgung mit Ärzten zu gewährleisten.

Strafmildernd hat die Kammer berücksichtigt, dass praktisch alle Verantwortlichen in der Uni und sogar im Wissenschaftsministerium Bescheid wussten. „Es wurde dem Angeklagten sehr leicht gemacht“, sagte Richter Geißels. „Das Ministerium hat seine Verpflichtungen zur Aufsicht nicht ausreichend wahrgenommen.“ Damit bleibt nicht nur der Heinrich-Heine-Universität ein Imageschaden.

Revision? „Auf jeden Fall!"

Raabs Verteidiger, der renommierte Düsseldorfer Anwalt Sven Thomas hatte zu Beginn des letzten Prozesstags einen Freispruch für seinen Mandanten gefordert. Die Verwaltung der Uni habe Raabs Vorgehen gebilligt. „Die haben alle Abrechnungen erhalten.“ Mit Blick auf die im Prozessverlauf deutlich reduzierte Schadenssumme fragte er: „Was wäre denn gewesen, wenn dieser Betrag von vorn herein auf dem Tisch der Staatsanwaltschaft gelandet wäre? Sie wäre ihrer Filterfunktion nachgekommen und hätte das Verfahren eingestellt.“ Der Fall wäre niemals vor einer großen Strafkammer gelandet, so der Verteidiger.

Auf sein zwischenzeitliches Angebot, das Verfahren gegen Zahlung einer Geldauflage von 60.000 Euro einzustellen, hatte sich die Staatsanwaltschaft nicht eingelassen. Oberstaatsanwalt Ralf Möllmann verweigerte den Deal, weil er weiter von einer deutlich höheren Schadenssumme für die Universität ausgehe, nämlich rund 200.000 Euro. Nach dem Urteilsspruch sagte Möllmann dem Handelsblatt, dass er deswegen Rechtsmittel einlegen und das Urteil prüfen werde.

Wolfgang Raab mochte wie auch Sven Thomas keine Stellungnahme zum Urteil abgeben. Auf die Frage, ob er mit seinem Mandanten in Revision gehe, antwortete der Verteidiger kurz und deutlich: „Auf jeden Fall!“

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