Zehn Jahre nach dem Tsunami
„Nichts ist mehr, wie es war”

Am Morgen des 26. Dezember 2004 treffen riesige Flutwellen auf die Küsten des Indischen Ozeans. Hunderttausende sterben, die Überlebenden versuchen zu vergessen. Ein Besuch in Phuket, zehn Jahre nach der Katastrophe.
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„Stille, diese Stille werde ich nie vergessen. Alles war ruhig und das Wasser war weg. Als ob einer am Meeresgrund den Stöpsel gezogen hätte”, erinnert sich Anja Peters. Wie angewurzelt habe sie auf der Veranda der Hotelanlage im thailändischen Phuket gestanden. „Fast hypnotisiert war ich. Gerade als ich in Richtung Strand gehen wollte, kamen die Schreie. 'Run. Run. Run.' ”. Schreie, sagt Peters, die so schrill und panisch waren, dass sie keine Sekunde länger überlegte.

Bis heute weiß sie nicht, wie lange sie lief, woran sie sich festhielt, was eigentlich passierte an diesem Weihnachtsmorgen, dem 26. Dezember 2004. „Als ich wieder zu mir kam, war überall Wasser, meine Arme und Beine bluteten.” Die äußerlichen Wunden heilten in den darauffolgenden Wochen.

Dass beim verheerenden Tsunami 2004 insgesamt mehr als 200.000 Menschen ums Leben kamen, das ist für die heute 37-jährige Hamburgerin, die damals zum Urlaub nach Phuket gereist war, auch nach zehn Jahren noch unfassbar. „Dieses Wissen ist wie eine innerliche Narbe, die immer wieder aufbricht. Ich habe überlebt. So viele andere nicht. Das ist ein Segen und eine unglaubliche Bürde zugleich”, erklärt die zarte Frau mit einem Zittern in der Stimme.

Neben Thailand, wo gut 8000 Menschen umkamen, darunter weit über 2000 Touristen, traf es auch Indonesien, Indien und Sri Lanka besonders schlimm. Doch die Fluten, die reißenden Wassermassen, waren erst der Anfang. Was folgte war verheerende Zerstörung, Trümmer und Trauer: Fast drei Millionen Menschen wurden obdachlos. Die Überlebenden suchten verzweifelt nach Angehörigen, schrien immer wieder die gleichen Namen, versuchten Leichen zu identifizieren, die in der sengenden Hitze schnell unkenntlich wurden.

Es sind grausame Bilder, die sich für immer in die Köpfe der Menschen einbrannten. „Überall schwammen Tote, manche hingen noch an Palmen, es war schrecklich”, sagt Pad, ein Gärtner, der damals bei einem schicken Hotel in Phuket die Anlage gepflegt hat.

Er selbst konnte sich an einer Säule festklammern, mehrmals hätte er aus Angst und Schwäche fast den Griff gelockert. Dann sei ihm immer wieder das Bild seiner Frau Niyom und seines vierjährigen Sohnes vor Augen gekommen, sie gaben ihm Kraft. Als er sich drei Tage später über Leichen und Trümmer hinweg zu Fuß nach Hause geschleppt hatte, war das zu Hause verschwunden.

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