Zehntausende auf der Flucht
Jahrhundertflut spült alte Minen frei

Die schlimmsten Überschwemmungen seit Beginn der Wetteraufzeichnungen halten die Balkanstaaten in Atem. Nicht jeder ist in der Lage, sich vor den Fluten zu retten. Jetzt droht eine neue Gefahr: Angeschwemmte Landminen.
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Belgrad„Ihr habt jetzt alles: Socken zum Wechseln, Pullover, Schlafanzüge. Seid brav“ - nur schweren Herzens lässt die Serbin Jelica Mitic ihre beiden Töchter ziehen. Doch ihr bleibt keine Zeit, der Bus nach Belgrad wartet schon, der Fluss Save kann jederzeit ihr Dorf Baric überfluten. Schon jetzt hat die Jahrhundertflut mindestens 30 Menschen in Serbien und Bosnien das Leben gekostet, Dutzende von Orten stehen unter Wasser. Ein Viertel der Fläche Bosnien-Herzegowinas stand unter Wasser. In Kroatien flohen Hunderte, in Serbien mehr als 20 000 Menschen vor den Fluten.

Auch im 7000 Einwohner zählenden Baric herrschen chaotische Zustände. In aller Eile verlassen die Bewohner ihre Häuser. Hunde, die in der Hektik vergessen wurden, bellen sich die Seele aus dem Leib, ansonsten herrscht rund um die 36-jährige Jelica Mitic bald gespenstische Stille. Sie schluchzt: „Meine Kinder kommen bei Verwandten unter, ich aber kann nicht mit - meine Mutter ist bettlägerig, wir können sie nicht wegbringen. Es ist eine Katastrophe“, sagt sie und schaut hilflos dem Bus mit ihren Töchtern hinterher.

Der benachbarte Ort Obrenovac steht bereits vollständig unter Wasser. Busse, Taxis, Streifenwagen, Traktoren - alles, was vier Räder hat und fahren kann wurde aktiviert, um die letzten der 20.000 Bewohner in Sicherheit zu bringen. Die gesamte Nacht über haben Dutzende Polizisten von den Wassermassen eingeschlossene Einwohner aus der Stadt gerettet. Nun warten sie in Baric erschöpft auf Ablösung.

„Etwas mehr als tausend Einwohner sind noch da, sie müssen dringend rausgeholt werden“, sagt einer von ihnen. „Ich wage es gar nicht, über mögliche Opfer nachzudenken - Genaues werden wir erst wissen, wenn das Hochwasser vorbei ist“.

„Was uns jetzt geschieht, passiert nicht einmal in hundert, sondern einmal in tausend Jahren“, sagte der serbische Ministerpräsident Aleksandar Vucic im serbischen Fernsehen. Der Regierungschef sprach von Überschwemmungen und Verwüstungen wie beim Weltuntergang. Er sei stolz, wie die Staatsführung die Krise im angeblich biblischen Ausmaß gemanagt habe, sagte er am Samstag. Seine Regierung ist nicht einmal einen Monat im Amt. Da bot das Unwetter eine gute Chance, sein Kabinett als zupackend vorzustellen.

Die Bürger konnten im Staatsfernsehen an mehreren Tagen live verfolgen, wie der unangefochtene Spitzenpolitiker des Landes seine Minister wie ein General befehligte und angeblich falsche Entscheidungen sowie den unzureichenden Einsatz der Behörden namentlich vor laufender Kamera abkanzelte.

In der Nähe des Kohlemeilers Nikola Tesla seien zwölf Leichen gefunden worden, so Vucic. Teile des Kraftwerks wie auch der Kohlegrube, die seinen Brennstoff liefert, waren bereits überflutet. Die staatliche Elektrizitätsgesellschaft EPS erklärte, es werde alles Mögliche zum Schutz des Kraftwerks getan. Allein dort werden die Schäden auf 100 Millionen Euro geschätzt. In ganz Serbien mussten wegen des Hochwassers mehr als 20 000 Menschen ihre Häuser verlassen.

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Furcht vor angespülten Landminen

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  • Jaja, Jahrtausendhochwasser

    Richtig ist: Seit Jahrtausenden hat es so eine Übersschwemmung nicht gegeben, aber jetzt wird es regelmässig welche geben...

    Ich hoffe beim Wiederaufbau wird auch bischen drauf geachtet, Hochwasserschutz zu planen, fürs nächste mal.

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