Zehntausende Menschen beim Schlussgottesdienst
Kirchentag fordert Dialog – auch mit Terroristen

Mit einem eindringlichen Appell zu dem Einsatz für mehr Gerechtigkeit und dem Schutz der Umwelt ist am Sonntag der 31. Deutsche Evangelische Kirchentag in Köln zu Ende gegangen.

HB KÖLN. Auch Taliban und Terroristen gehörten an den Verhandlungstisch, sagte Kirchentagspräsident Reinhard Höppner bei einem feierlichen Gottesdienst am Rheinufer vor gut 100 000 Menschen. „Nur wo auch mein Feind einen menschenwürdigen Platz hat, kann Frieden werden.“ Pfarrerin Mechthild Werner äußerte in ihrer Predigt scharfe Kritik am G8-Gipfel. Die Milliardenhilfen für Afrika seien „besser als nichts, aber doch ein Almosen“, sagte sie.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundespräsident Horst Köhler warnten am Samstag vor westlicher Überheblichkeit im Umgang mit afrikanischen Ländern. Zudem forderte Merkel weltweite soziale und ökologische Mindeststandards, um die Globalisierung erfolgreich zu gestalten. „Wir können unmöglich Afrika mit unserer europäischen Erfahrung etwas aufdrängen.“ Köhler warb für ein partnerschaftliches Verhältnis zwischen Europa und Afrika. Dabei seien neben den G8- Staaten auch die Welthandelsorganisation und die Weltbank gefordert.

Rund eine Million Besucher waren seit Mittwoch zu den 3000 Veranstaltungen in die Domstadt gekommen. Die Themen des parallelen G8-Gipfels von Heiligendamm - Globalisierung, Klimawandel, Hilfe für die ärmsten Länder - bestimmten bis zum Schluss die Diskussionen des fünftägigen Protestantentreffens, das unter dem Motto „lebendig und kräftig und schärfer“ stand. Mit einem „Ruf an den G8-Gipfel“ hatte der Kirchentag zur Achtung der Menschenwürde aufgerufen.

Der rheinische Präses Nikolaus Schneiders hatte mit Blick auf gewalttätige Proteste gegen den G8-Gipfel betont: „Unsere Waffen sind nicht Pflastersteine und Molotow-Cocktails, sondern das lebendige und verändernde Wort Gottes.“ Kirchentagspräsident Höppner betonte, die Kirche müsse sich in Fragen der Globalisierung mehr Gehör verschaffen.

Zudem nahmen die Themen Stillstand bei der Ökumene und das teils angespannte Verhältnis des Christentums zum Islam breiten Raum ein. Bibelarbeiten waren oft überlaufen, allein beim „Abend der Begegnung“ zum Start des Kirchentags waren 400 000 Menschen in der Innenstadt auf den Beinen. Im Mai 2009 findet der nächste Evangelischen Kirchentag in Bremen statt.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, forderte Religionsfreiheit für Christen in islamischen Ländern. Wenn in Europa repräsentative Moscheen gebaut werden könnten, „dann möchte ich in Saudi-Arabien Gottesdienst halten dürfen, ohne verhaftet zu werden“, sagte der katholische Kirchenführer. Wirkliche Religionsfreiheit könne nur wechselseitig praktiziert werden. Zuvor war die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) dem Vorwurf muslimischer Verbände entgegengetreten, sie beabsichtige beim Dialog mit dem Islam eine christliche Mission.

Ausgerechnet im katholisch geprägten Köln hat der Deutsche Evangelische Kirchentag nach den bilanzierenden Worten Höppners „eine neue Qualität von Begeisterung“ erfahren. Diese Begeisterung zeigte sich auch beim Abschlussgottesdienst, als 100 000 Gläubige ihre orangenen Halstücher - Erkennungszeichen des Kirchentags - hoch über den Köpfen schwenkten.

Bei einer Diskussion mit dem Friedensnobelpreisträger Muhammed Yunus sagte Merkel, dass der G8-Gipfel nur „einer von ganz vielen Schritten“ auf dem Weg zu einer gerechteren Weltwirtschaft gewesen sei. „Wichtig ist doch: Kann ich aus vollem Herzen sagen, wir sind nach diesem Gipfel einen Schritt weiter, als wir es vorher waren? Das kann ich mit einem klaren „ja“ beantworten.“ Gleichzeitig sagte sie: „Wir müssen aufhören, so zu tun, als ob es „Erlösungsereignisse“ gibt, die die Welt von einen Tag auf den anderen besser machen.“

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