Zeitdruck wächst
Die Nonstop-Gesellschaft ist ein Millionen-Markt

Die Wirtschaft hat einen Millionen-Markt erkannt und springt auf den Zug auf mit - meist kostspieligen - Angeboten zur geruhsamen Essensaufnahme („Slow Food“), Meditation im Kloster („Retreat“), unbezahltem Endlosurlaub für Mitarbeiter („Sabbatical“) oder Wochenend-Kuren in Luxushotels („Wellness-Weekend“).

HB DÜSSELDORF. „Zeit wird immer mehr zur Schlüsselressource“, schreibt das Kelkheimer Zukunftsinstitut von Matthias Horx in einer Studie und hat ein neues Luxusgut ausgemacht: „Zeitwohlstand“, den es zu vermehren gelte.

Nur zu einem geringen Teil ist Zeitforschern zufolge das Problem tatsächlicher Zeitmangel. Für den Autoren Stefan Klein („Zeit. Der Stoff, aus dem das Leben ist“) sind die Informationsflut und zu viel Auswahl Wurzeln des Übels. „Wir können nicht mehr aussieben, unsere Filter funktionieren nicht mehr.“ Notwendig sei eine neue „Zeitkultur“. „Wir müssen aufhören, uns als Opfer eines äußeren Taktes zu fühlen.“ Keine Zeit zu haben, gelte in einer Gesellschaft, in der Zeit Geld sei, als Statussymbol. Dagegen müsse die Fähigkeit, Herr über die eigene Zeit zu sein, wieder als Wert ankannt werden.

Hartmut Seifert, Arbeitszeitexperte an der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, sieht die Sache anders. Der Trend, dass Vollbeschäftigte immer kürzere Arbeitszeiten hätten, sei im Zuge der Konkurrenz durch Billiglohnländer schon vor fünf Jahren unterbrochen worden. Überdies hätten die Unternehmen die Arbeitszeitverkürzungen Mitte der 80er Jahre durch ein immer höheres Arbeitstempo ausgeglichen. „Wenn die Leute abends heim kommen, fühlen sie sich ausgebrannt, plumpsen erstmal in den Sessel und sehen fern.“

Die effektive Wochenarbeitszeit liegt der Stiftung zufolge bei mehr als 42 Stunden, eine Stunde über EU-Schnitt. Auch arbeiteten die Menschen immer häufiger am Wochenende, fügt Seifert hinzu: „“Samstags gehört Vati mir“ - das ist lange vorbei.“ Jetzt seien die Betriebsräte gefragt, Modelle zu entwickeln, aus dem vollen Tagesplan Druck abzulassen. „Das brauchen wir dringend, schließlich ist bei uns in Zeiten alternder Belegschaften die Rede von der Rente mit 67.“

Wer es sich leisten kann, dem kann mittels der Dienstleister von morgen auch ohne Betriebsrat geholfen werden. Ob das „weiche Aussteigertum“ auf dem fränkischen Weinberg, wo bei gemütlicher Weinlese ein Wochenende lang Winzerromantik gelebt wird, oder „mobile Zeitritter“, die Agenturen wie die Frankfurter Agentur CS zum Geschenkekauf, Blumen gießen oder Handwerkersuchen vermitteln: Erfolg hätten künftig „Zeitsparprodukte“, die eine Entschleunigung des Zeitempfindens oder eine Auslagerung lästiger Alltagspflichten böten, schreiben die Kelkheimer Trendforscher des Zukunftsinstituts.

Derlei Angebote sorgen bei Zeitforscher Karlheinz Geißler für Schmunzeln: „Der Kapitalismus ist so stabil, weil er erst Probleme und Sehnsüchte schafft und diese dann für sich zum Geschäft macht.“ Noch nie habe man für Ruhe so viel zahlen müssen wie heute. „Wir müssen einfach wieder lernen, den Augenblick zu schätzen“, rät Autor Klein. Teetrinken mit dem Partner, Kochen, Spazierengehen: „Wir brauchen Zonen, in denen wir uns ausklinken, Computer und Handys aus sind und wir keine Entscheidungen treffen müssen.“

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