Zur Risiko-Philosophie
Die Philosophie des Wagnisses

Wer durch sein Handeln das Wohl der gesamten Finanzwelt sowie das Geld der Steuerzahler aufs Spiel setzt, handelt verwerflicher als jemand, der nur sein eigenes Vermögen verzockt. Zur Veranschaulichung des jeweiligen ehtischen Risikos bemüht der Münchener Philosophieprofessor Julian Nida-Rümelin auch schon einmal die großen Denker der Geschichte.

DÜSSELDORF. Eine Wette, bei der man nur gewinnen kann, gibt es nicht nur bei der Fußball-Wettmafia, sondern auch in der Philosophie. Einer der größten Denker der Geschichte, Blaise Pascal (1623-62), bietet sie an.

In seinem postum erschienenen Werk "Pensées" schreibt er: "Angenommen es sei sicher, dass es Gott gibt oder ihn nicht gibt und dass es keinen Mittelweg gibt ? Wenn Sie nicht wetten, dass es Gott gibt, müssen Sie wetten, dass es ihn nicht gibt. Wofür entscheiden Sie sich?"

Pascal setzt voraus, dass Existenz und Nichtexistenz Gottes gleich wahrscheinlich sind, weil beides rational nicht zu begründen ist. Dann sind folgende Konstellationen möglich: 1. Man glaubt an Gott, und Gott existiert - in diesem Fall wird man durch ewiges Seelenheil unendlich belohnt. 2. Man glaubt an Gott, und Gott existiert nicht - in diesem Fall gewinnt oder verliert man nichts. 3. Man glaubt nicht an Gott, und Gott existiert nicht - in diesem Fall gewinnt man ebenfalls nichts. 4. Man glaubt nicht an Gott, und Gott existiert - in diesem Fall wird man unendlich bestraft durch die ewige Verdammnis.

Es sei also das Beste, bedingungslos an Gott zu glauben, folgert der missionseifrige Katholik Pascal: "Wägen wir den Verlust dafür ab, dass Sie sich dafür entschieden haben, dass es Gott gibt: Wenn Sie gewinnen, gewinnen Sie alles, wenn Sie verlieren, verlieren Sie nichts. Setzen Sie also ohne zu zögern darauf, dass es ihn gibt." Die "Wette" auf die Existenz Gottes ist - in der Sprache der Finanzmärkte - eine Option auf das Paradies mit Gratis-Hedge für das Risiko.

Ohne das Wort "risque" zu benutzen, exerziert Pascal vor, was wir heute Risiko- oder Entscheidungstheorie nennen. Er nahm im Grunde den für das heutige Risikomanagement so wichtigen "Erwartungswert" vorweg: ein Abgleich der möglichen Folgeszenarien einer Handlung nach Gewinnen und Verlusten und deren Wahrscheinlichkeiten.

Pascals Wette ist vielleicht im Unterschied zu den Machenschaften der Wettmafia nicht ganz ernst gemeint. Sie ist absurd, da sie vorspielt, mit rationalen Erwägungen eine transzendente Frage entscheiden zu können. Wie dem auch sei, die Hoffnung auf unendlichen Gewinn ohne Risiko gibt es nur fürs Jenseits.

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