Zweifel an der Einheit
Deutsche sind sich fremd

Nach 16 Jahren Einheit sind sich die Deutschen in Ost und West nach Ansicht des SED-Forschungsverbundes noch weitgehend fremd. In Selbstverständnis, sozialer Struktur und Mentalitäten unterschieden sich die „beiden Teilgesellschaften“ nach wie vor deutlich, sagte der Leiter des Forschungsverbundes an der Berliner Freien Universität, Klaus Schroeder, am Donnerstag.

HB BERLIN. „Es fehlt an der Akzeptanz unterschiedlicher Lebensläufe“, sagte der Professor bei der Vorstellung seines Buches „Die veränderte Republik. Deutschland nach der Wiedervereinigung“. Die ostdeutsche Gesellschaft sei im Kern noch „postsozialistisch“, heißt es in der Studie.

Bei größeren Teilen der ostdeutschen Bevölkerung gehe eine grundsätzliche Kritik an Vereinigung und politischer Ordnung mit einer Aufwertung und Verharmlosung der SED- Diktatur einher, sagte Schroeder. Obwohl die Zustimmung der Ostdeutschen zur parlamentarischen Demokratie schwach ausgeprägt sei, wolle aber nur eine Minderheit zurück in die DDR.

In der Analyse des Vereinigungsprozesses heißt es, Unbehagen an der Einheit sei unter Ost- und Westdeutschen gleichermaßen vorhanden. Viele Ostdeutsche hielten die Finanztransfers für selbstverständlich, während sich unter Westdeutschen angesichts von Wohlstandseinbußen Zweifel an der Einheit entwickelten.

„Eine breite Mehrheit der Ostdeutschen wollte so leben wie im Westen, nahezu alle Westdeutschen wollten so weiterleben wie bisher.“ Dabei sei aus dem Blick geraten, dass schon die alte Bundesrepublik reformbedürftig gewesen sei. Als Kardinalfehler des Vereinigungsprozesses schätzt Schroeder den Verzicht auf eine umfassende Modernisierung Deutschlands ein.

Damit seien Probleme verschleppt und vertieft worden. Der Finanzierungsweg der Einheit sei falsch gewesen. „Zur Verschleierung des gewaltigen Transferbedarfs erfolgte die Finanzierung der Einheit zu großen Teilen über die Sozialversicherungen.“ Nach Schätzungen des Wissenschaftlers belaufen sich die Vereinigungskosten von 1990 bis Ende 2006 auf netto etwa 1,4 Billionen Euro.

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