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Das Kapital des Bischofs

Die Versuchung lauerte seit langem – und der Münchener Erzbischof Reinhard Marx ist ihr erlegen. Mit diesem Nachnamen musste ein Mann vom barocken Zuschnitt des 54-Jährigen einfach auf die Idee kommen, eines Tages „Das Kapital“ neu zu schreiben. Am Mittwoch wird das Buch vorgestellt. Wie sich ein Kirchenfürst bei Karl Marx bedient.

DÜSSELDORF. Aus der Feder des renommierten Theologen erscheint am 5. November im Pattloch Verlag ein Werk, das den gleichen Namen trägt wie das Opus Magnum seines Namensvetters Karl Marx, sich aber durch eine Unterzeile unterscheidet: „Eine sozialethische Streitschrift“.

Der Kirchenmann und der Kommunist – sie haben mehr gemeinsam als den gleichen Nachnamen und nun auch noch den gleichen Buchtitel. Den katholischen Sozialethiker treiben nicht nur ähnliche Fragen um wie Karl Marx (wenngleich er zu ganz anderen Antworten kommt). Auch vom Lebensstil her – beispielsweise der gemeinsamen Vorliebe für dicke Zigarren, derben Humor und kräftiges Essen – ähneln sich die beiden durchaus. Und als Autoren machen sie ihren Verlegern den gleichen Kummer: Reinhard Marx wollte sein „Kapital“ eigentlich schon im Mai auf den Markt werfen, Karl Marx überzog die Abgabefrist für sein „Kapital“ gleich um mehrere Jahre.

Als der erste Band des „Kapitals“ 1867 bei Otto Meissner in Hamburg erschien, rechnete niemand mit einem großen Erfolg. Gerade mal 1 000 Exemplare ließ der Verleger in Leipzig drucken. Obwohl Karl Marx viele Jahre in London unter elenden Lebensumständen an dem Manuskript gearbeitet hatte, war für ihn nicht viel Honorar drin. Von Meissner hatte der ansonsten weitestgehend geschäftsuntüchtige Kommunist zwar die Hälfte des Reingewinns aus dem Verkauf des Buchs verlangt, aber die horrenden Satzkosten für sein kompliziertes Manuskript unterschätzt. Am Schluss brachte ihm das „Kapital“ nicht einmal so viel Geld ein, schrieb er an seinen Schwiegersohn Paul Lafargue, „als mich die Zigarren gekostet, die ich beim Schreiben geraucht“. Zu einem der meistverkauften Bücher aller Zeiten wurde das „Kapital“ erst sehr viel später. Und Band II und III seines ökonomischen Hauptwerks erschienen gar erst nach dem Tod von Karl Marx.

Droht Reinhard Marx mit seinem „Kapital“ ähnliches kommerzielles Ungemach? Sozialethische Schriften gelten nicht gerade als Bestseller. Und vom Pattloch Verlag dürften selbst die meisten Buchliebhaber bisher wenig gehört haben. Doch da kann man sich täuschen: Der kleine, aber traditionsreiche Buchverlag gehört zur großen, überaus geschäftstüchtigen Verlagsgruppe Droemer Knaur. Und dort läuft christliche Literatur („Gott – eine kleine Geschichte des Größten“) gegenwärtig wie geschnitten Brot.

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