100 Jahre Golo Mann
Ein Kampf für sich selbst

Akademisch blieb Golo Mann stets ein Außenseiter und auch literarisch wurde er stets überschattet vom Ruhm seines berühmten Vaters Thomas. Zum seinem 100. Geburtstag rücken neue Biopgrahien das Bild Golo Manns in der Öffentlichkeit zurecht - und enthüllen einen "anderen Mann".

DÜSSELDORF. Man könnte es eine Ungerechtigkeit nennen, die erste ist es nicht: Selbst das Jubiläum Golo Manns, sein 100. Geburtstag am heutigen Freitag, wird noch überschattet vom Ruhm des Vaters. Die Verfilmung der „Buddenbrooks“ war einer der Kinoerfolge des jungen Jahres, der „Aufstieg und Fall einer Familie“ gedeutet als Krisenparabel unserer Zeit.

Das dritte von sechs Kindern Thomas Manns, geboren am 27. März 1909, litt zeitlebens unter dem, was der Freiburger Romanist und Freund Golo Manns, Hans-Martin Gauger, „Übertragung“ nennt: einem Reflex der Öffentlichkeit, den Sohn nicht ohne den berühmten Vater sehen zu können. Diese Übertragung und Golo Manns Kampf dagegen ist eines der Leitmotive in Tilmann Lahmes Biografie Golo Manns, die neu erschienen ist. Zusammen mit dem ebenfalls von Lahme herausgegebenen Sammelband „Man muss über sich selbst schreiben“ (S. Fischer, 19,95 Euro) ist das Fundament für eine Neubetrachtung Golo Manns gelegt.

Dem ehemaligen „FAZ“-Journalisten gelingt es, den Wechselwirkungen von Familie und bewegtem Zeitgeschehen immer wieder die richtige Balance zu geben: Golo Manns leidvolle Jugend, das kalte Verhältnis zum Vater, die befreiende Schulzeit in Salem, alles bekommt den nötigen Raum. Später dann die Flucht vor den Nazis, das amerikanische Exil, und die vorsichtige Rückkehr in die junge Bundesrepublik, das folgende, lange Ringen um Anerkennung.

Einige Entdeckungen hält die Biografie bereit: Manns heimliche literarische Gehversuche etwa oder die frühe Begeisterung für Wallenstein. 1971 wird die epochale Wallenstein-Studie, zusammen mit der „Deutschen Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert“ von 1958, Golo Manns Ruf als größter Stilist unter den deutschen Historikern endgültig festigen.

Akademisch blieb Mann, abgesehen von einer kurzen Professur in Stuttgart, dennoch ein Außenseiter. Für viele Kollegen schrieb Golo Mann zu literarisch, ohne genügenden theoretischen Durchgriff auf die Sache. Geschichte war für ihn eben immer zuerst das: eine Geschichte, die es zu erzählen galt, ohne dabei frei zu erfinden. Der Schriftstellerei, dieser „wunderlichen, gefährlichen Existenz“ (Golo Mann), konnte er eben nie ganz entsagen.

Der Sammelband eröffnet zudem den politischen Publizisten. In den umstrittenen Einlassungen zur Ostpolitik, den Porträts Kennedys, De Gaulles oder Brandts zeigt sich auch dieser Teil von Golo Manns Leben: der eigenständige Intellektuelle mit souveräner Stimme, ganz bei sich selbst. Ein anderer Mann eben.

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