100. Todestag Leo Tolstois
Der Tag, an dem „Russlands Gewissen“ starb

Am 20. November jährt sich der Tod Leo Tolstois zum 100. Mal. Der russische Schriftsteller wird als schriftstellerisches Genie verehrt, seine Werke gehören zur Weltliteratur. Im zaristischen Russland war Tolstoi aber mehr als ein Künstler – bis heute gilt er als kritisch-fragender Geist und Gewissen des Riesenreichs.
  • 0

HB MOSKAU. Für viele Russen brach mit dem Tod ihres Jahrhundertschriftstellers Leo Tolstoi vor 100 Jahren eine Welt zusammen. Als der Autor der international geschätzten Klassiker „Krieg und Frieden“ und „Anna Karenina“ 1910 im bescheidenen Häuschen eines Bahnwärters in Astapowo starb, verlor das Land einen seiner größten Denker, eine moralische Instanz. Der Todestag fiel nach westlichem Kalender auf den 20. November - in Russland aber, wo noch die vorrevolutionäre Zeitrechnung galt, auf den 7. November. Heute erinnern Russlands Medien voller Ehrfurcht an das Ende des schon zu Lebzeiten weltweit verehrten Genies und Sozialutopisten.

Auch von seinen deutschsprachigen Kollegen Thomas Mann und Stefan Zweig wurde Tolstoi geschätzt, woran etwa eine Ausstellung im Literaturhaus München bis 30. Januar erinnert. Dort stehen Tolstois Kontakte auch mit deutschen Lesern im Vordergrund, seine Reisen nach Deutschland, wo er sich besonders auch für die Volksbildung interessierte. Russland aber schaut zum Todestag eher auf die letzten Tage des 82-Jährigen. Der alte Tolstoi galt damals als eine Art „Gegenzar“, wie der französische Dokumentarfilmer Frédéric Mitterand einmal meinte, als kritisch-fragender Geist und Gewissen Russlands.

Am 9. September 1828 wurde Tolstoi auf dem väterlichen Gut Jasnaja Poljana 200 Kilometer südlich von Moskau geboren. Er studierte orientalische Sprachen und Jura. Von 1851 bis 1856 war er Offizier der Kaukasus-Armee. Er unternahm zwei Auslandsreisen, die ihn innerhalb von vier Jahren in die Schweiz, nach Frankreich, Italien, Deutschland und England führten. 1862 heiratete er die Arzttochter Sofja Bers. Das Paar lebte auf dem Gut, wo Tolstoi Bauernkinder unterrichtete.

Als sein Hauptwerk gilt das Epos „Krieg und Frieden“ (1869). Vor dem Hintergrund der napoleonischen Kriege beschreibt Tolstoi die Geschichte dreier Adelsfamilien. Er vertritt darin die These, dass Persönlichkeiten nicht die Macht der Geschichte beeinflussen können. In der Ehetragödie „Anna Karenina“ (1873-76) bekennt er sich zur Idee der Familie. Der kritische Zeitroman über die russische Oberschicht beschreibt den Ausbruch aus einer Ehe und seinen tragischen Ausgang.

Neben späteren Erzählungen wie „Der Tod des Iwan Iljitsch“ (1886) und „Die Kreutzersonate“ (1890) haben vor allem Tolstois Dramen die späten Schaffensjahre geprägt. Am Ende seines literarischen Schaffens steht der Roman „Auferstehung“ (1899). Darin ändert Fürst Nechljudow sein Leben im Geiste Jesu Christi und findet seinen inneren Frieden. Tolstoi starb am 20. November 1910 als 82-Jähriger auf dem Provinzbahnhof Astopowo.

Seite 1:

Der Tag, an dem „Russlands Gewissen“ starb

Seite 2:

Kommentare zu " 100. Todestag Leo Tolstois: Der Tag, an dem „Russlands Gewissen“ starb"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%