12. Biennale von Lyon  
Wie Künstler erzählen – und was        

Die zwölfte Kunstbiennale von Lyon untersucht, wie die zeitgenössische Kunst mit dem Storytelling umgeht. 77 meist medienbasierte Kunstwerke sind auf fünf Ausstellungsorte in der ganzen Stadt verteilt.
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LyonDie Plakate und Werbeträger der zwölften Lyoner Kunstbiennale (bis 6.1.2014) deuten es bereits an: die Organisatoren und wir alle sind gerade noch mit einem blauen Auge davon gekommen. Ähnlich wie der ungepflegte junge Mann auf dem Fotoemblem, der uns mit einem blau geschlagenen Auge ansieht. Das Foto stammt von dem US-Fotograf Roe Ethridge, den die Galerie Gagosian vertritt und der diesem Logo-Foto noch drei andere hinzufügt: ein Mädchen mit rosa Kaugummi-Blase; die adrette junge Mrs. Ethridge mit Perlenkette; sowie ein porträtierter Schweinekopf – wir alle haben wohl Schwein gehabt, erzählt Ethridge vermutlich. Visuelle Erzählungen sind der programmatische Einstieg für  diese Kunstbiennale.

Dies beschloss ihr sympathischer Kurator, der Isländer Gunnar Kvaran, der das Astrup Fearnley Museum in Oslo leitet. Zum Hinterfragen narrativer und formeller Strukturen lud er 77 Künstler aus aller Welt, besonders den USA, Brasilien, China und Frankreich ein, die meist jünger als 45 Jahre sind. Der Sinngehalt ihrer Erzählungen erschließt sich nicht immer unmittelbar, weil sich viele junge Künstler in formalen Spielen verlieren. Der von G. Kvaran erfundene dreiteilige Titel gab ihnen keine echte Orientierungshilfe: „Entre-temps... Brusquement, Et ensuite/Inzwischen... Plötzlich, Und dann“.

Zuckerfabrik als Herzkammer der Schau

Das künstlerische „Storytelling“ ist Kurator Kvarans Antwort auf den Begriff der „Transmission“, den der Lyoner Biennale-Mitbegründer und Direktor Thierry Raspail ihm vorgab. Die Kuratoren der zehnten und elften Lyoner Biennale, Hou Hanrou und Victoria Noorthoorn, nahmen die „Transmission“ leichter als Kvaran, punkteten dagegen mit visuell markanten Installationen. Der rigorose protestantische Skandinavier Kvaran - so charakterisiert er sich selbst ironisch - will den erzählerischen Ariadne-Faden durch die fünf Ausstellungsorte in Lyon führen. Was ihm nur im Erdgeschoss der ehemaligen Zuckerfabrik „La Sucrière“, dem Zentrum der Biennale, konsequent gelingt.

Je weiter man sich vom Biennale-Nabel entfernt, umso beliebiger wird die Werkauswahl. Der frühere Museumsdirektor und Kurator der Lyoner Biennale des Jahres 2000, Jean-Hubert Martin, hat dafür eine Erklärung: die Arbeitsmethode vieler junger Künstler entspräche der „konzeptuellen Tendenz, welche die Kunstakademien unterrichten und die in der Folge zu einer Art Akademismus wurde“.

Verführung zum Sehen

Die Aufgabe eines Kurators ist jedoch nicht nur eine kohärente Auswahl, sondern auch eine verführerische Präsentation. 2011 betrat man die „Sucrière“ theatralisch durch monumentale Papier-Vorhänge der Deutschen Ulla von Brandenburg. Wogegen sich die Besucher diesmal mit einem  liegenden nackten Mann (dem 1:1-Abbild seines Schöpfers Dan Colen) konfrontiert sehen, der von platt gewalzten Comic-Tieren umgeben ist. Die Folgen dieses imaginierten Wettrennens sind drei riesige Löcher in den Wänden, deren Kontur ebenfalls einem Comic entnommen scheint.

Von der Ur-Erzählung zu Kriegserzählung

Von Holzwänden umgeben erstellt Frankreichs gefeierter Starkünstler Fabrice Hyber den wenig inspirierenden  „Prototyp des Paradieses“. Sobald der Besucher den Schlüssel zur Türe des Garten Eden findet, darf er zwischen grünen nackten Männern, dem Baum der Erkenntnis mit welkem Laub und gemalter Landschaft spazieren. Die Galeristin Nathalie Obadia nahm Hyber gerade in ihr Programm. Mit dabei ist bereits das chinesische Künstlerkollektiv Madein Companie, das zwanzig aufwendige Vitrinen mit typisierter Formen- und Körpersprache zusammenstellte. Neben den vorherrschenden Videoscreans erzählt uns der Brasilianer Thiago Martins de Melo auf Riesengemälden gruselige Geschichten von Indianern und dem Untergang ihrer Kultur durch die Vernetzung der Welt.

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Nur wenige älter Künstler

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