1985 war dann alles vorbei
Zwischen Eiszeit und Überhitzung

Vor zwanzig Jahren hatte er sie alle vor der Linse, die Stars der Neuen Deutschen Welle – von Nena bis Spliff. Für das Weekend Journal erinnert sich Fotograf Didi Zill an die wilde Zeit der germanischen Popmusik.

Ohne die Mutter von Hubert Kah hätte ich eine schwierige Fotosession mehr gehabt. 1982 war er der erste Neue-Deutsche-Welle-Sänger, den ich für „Bravo“ fotografierte. Er wohnte damals bei seinen Eltern in Reutlingen – seriöse Leute, wir wurden mit Kuchen verwöhnt. Hubert galt als schwierig, wenn es um die Zusammenarbeit mit Fotografen ging. Ich erzählte aber von meiner eigenen Band „Didi and his ABC-Boys“: „Hier in Stuttgart haben wir früher Musik gemacht, in der Altstadt.“ Da sprang Frau Kemmler, so hieß die Familie mit bürgerlichem Namen, auf und ging zum Plattenschrank. Sie zog eine LP meiner Band raus – Hubert blieb der Mund offen stehen.

Danach entpuppte er sich als wirklich netter Kerl – wie so viele Stars der Neuen Deutschen Welle. Es ist eine Zeit, an die ich gern zurückdenke, etwas Besonderes war: Ab 1981 schossen deutsche Bands aus dem Boden, die Charts wurden schlagartig dominiert von Künstlern wie Ideal oder Nena. Zu dieser Zeit arbeitete ich für die „Bravo“ – wie seit 1969. Eigentlich bin ich selbst Musiker, unsere Band spielte in den 60ern sogar im Vorprogramm der Rolling Stones. Im Laufe der Jahre lichtete ich viele der großen Namen ab, von Paul McCartney bis Queen.

Düsseldorfer Band Rheingold galt als zickig

Wann ich den Begriff NDW zum ersten Mal gehört habe, weiß ich nicht mehr. Der erste Song in den Charts mit diesem Etikett war wohl „Dreiklangdimension“ von Rheingold. Die Düsseldorfer galten als zickig. Ich fuhr trotzdem zu ihnen, um mit ihnen eine Home Story zu machen – was sie ablehnten. Also schossen wir Bilder in der Stadt selbst. So kalt und unnahbar Sänger Bodo Staiger auch oft wirkte, bei dem schrecklichen Wetter damals wurde auch er zugänglich, spätestens beim Aufwärmen in der Kneipe.

Kraftwerk hielten sich für äußerst elitär

Eigentlich waren sie auch sehr nette Jungs, nur etwas versponnen – wie so einige Bands der NDW. Kraftwerk zum Beispiel hielten sich für äußerst elitär. Sie wollten mit „Bravo“ gar nichts zu tun haben. Hinter den Kulissen einer ZDF-Show in Unterföhring erklärten sie sich doch bereit, sich fotografieren zu lassen. Das Problem: Ich hatte nichts vorbereitet und hasse Schnappschüsse mit Blitz auf der Kamera. Die goldene Idee hatten Kraftwerk selbst: Sie schnappten sich meine Kameras und posierten, als würden sie mich fotografieren – und versteckten sich quasi hinter den Objektiven.

Auch Ideal waren nicht gerade ein idealer Partner in Sachen Fotos, widerwillig durfte man sie beim Konzert vor der Bühne fotografieren. Sie sangen nicht nur „Eiszeit“, zwischen ihnen und der „Bravo“ herrschte die auch. Alles war „Kacke“, Popmusik erst recht, und sie selbst waren die Größten. Die Band lebte in Berlin in Insiderkreisen, und bei denen war „Bravo“ verpönt. Wenn man die einzelnen Bandmitglieder dann aber traf, waren sie sehr zugänglich.

Mir fiel es bei schwierigen Kandidaten oft leichter als Kollegen, das Eis zu brechen. Ich bin ein guter Erzähler, und als Musiker weiß ich, wie man sich auf der Bühne fühlt. Ich konnte berichten von Leuten wie den Stones oder Jethro Tull – das entspannte die Atmosphäre.

Man konnte den jungen NDW- Leuten nicht mal böse sein

Urplötzlich fanden sie sich in den Charts wieder, dann rief die „Bravo“ an - so was muss man erst mal verdauen. Es gab aber ein paar, die sich schlauer anstellten: UKW zum Beispiel waren so offen – hätte ich sie gebeten, für ein Foto vom Berliner Funkturm zu springen, sie hätten es gemacht. Die waren so unverstellt, dass ich sie bei Sessions eher bremsen musste, damit es nicht zu albern wurde. Spliff sind auch so ein Beispiel. Man merkte, dass die einiges an Erfahrung hatten. Sie erkannten, dass man neben guter Musik noch was machen muss, um ganz nach oben zu kommen. Das hat ihnen auch ihr Manager Jim Rakete eingetrichtert.

Rakete hat alles blockiert

Überhaupt: Jim Rakete. Er ist auch Fotograf, und vielleicht war es Eifersucht mir gegenüber. Auf jeden Fall funkte er mir bei Nena ganz schön dazwischen. Am Anfang war alles wunderbar, Nena war ein superlieber Mensch, auf dem Weg zu einer Fotosession hat sie mir mal im Auto ihr ganzes Herz ausgeschüttet. Dann, von einem Tag auf den anderen, hat sie nicht mehr mit mir gesprochen. „Rakete hat alles blockiert“, bestätigte mir später ihr damaliger Gitarrist Uwe Fahrenkrog- Petersen. Dass Nena solch ein Comeback erlebt wie im Moment, hätte ich nicht gedacht – ich wünsche es ihr aber aus ganzem Herzen.

Als es mir selbst zu gut ging mit dem Fotografieren, meinte ich wieder Musik machen zu müssen – und schaffte es mit Songs wie „Rock ’n’ Roll made in Germany“ bis in die Hitparade. Als es darum ging, für 2 000 Mark in Diskotheken aufzutreten, hatte ich aber genug: Da hab ich als Fotograf mehr verdient.

1985 war es dann auch vorbei mit der NDW. Die großen Plattenfirmen hatten Unmengen von Bands in den Markt gedrückt – und irgendwann hatten die Käufer dann die Nase voll. So ist das halt in unserem Geschäft: Man muss immer damit rechnen, dass irgendwann alles vorbei ist.

Wer nun über die Neue Deutsche Welle herzieht, liegt falsch. Sie hatte und hat ihre Bedeutung, sie hat sich ihren Platz erkämpft. Und auch wenn die meisten der damaligen Stars verschwunden sind: Selbst Chuck Barry zum Beispiel ist es nicht anders ergangen. Er ist verheizt und von falschen Beratern hintergangen worden. Und auch er kam oft nicht klar mit dem Ruhm. Doch trotzdem sind von ihm tolle Songs geblieben – wie von der NDW.

Aufgezeichnet von Thomas Knüwer.

Quelle: Handelsblatt

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