30. Todestag
Was von Beuys bleibt

„Der Geist von Beuys weht hier noch“

Aber spielt Beuys heute noch eine Rolle für die Studenten der Kunstakademie? Über einen langen hohen Flur geht es vom Dozentenzimmer zu den früheren Klassenräumen des Bildhauer-Professors Beuys. „Wie im Western“ seien sie über die Gänge der Kunstakademie marschiert, erinnert sich Stüttgen. Beuys' Schüler wie Imi Knoebel oder Jörg Immendorff fanden in den saalhohen Klassenräumen 19 und 20 einst zu ihrer künstlerischen Ausdruckskraft. Heute arbeitet dort die Klasse des Bildhauers Martin Gostner.

Natürlich“ spiele Beuys für ihn eine Rolle, sagt Kunststudent Thimo Franke (29). „Es ist unmöglich, ihm zu entgehen, nicht nur an dieser Akademie, sondern generell.“ Auch die 26-jährige Natalia Drabik sagt: „Der Geist von Beuys weht hier noch.“ Geheimnisvoll wie das Werk von Beuys ist auch die meterhohe Wandinstallation „State of Emergency“ (Notstand) der jungen Künstlerin. Auf transparenten weißen Papieren finden sich unzählige feine Zeichnungen, manchmal sind es nur Striche, die auf dem Boden weiterlaufen.

Das Auge wandert wie über eine Landkarte und entdeckt immer neue Dinge: Da hängt ein Ohr aus Plasteline, ein Gummiring an einem Nagel, eine Vase. Die Interpretation überlässt Drabik dem Betrachter: „Ich will hier nichts bestimmen.“ Über Beuys' Werk sagt Drabik: „Ich habe das Gefühl, dass es mir etwas erzählt, ohne es wirklich aufzuschlüsseln.“ Und sie möchte bei Interpretationen auch gar nicht durch Museen oder Kuratoren bevormundet werden. Das hätte Beuys wohl ähnlich gesehen. „Die Mona Lisa lächelt, weil sie mehr weiß als der Künstler“, zitiert Stüttgen einen Satz von Beuys.

Weder für Drabik noch für Franke ist Beuys ein direkter Bezugspunkt in ihrer Kunst. Aber dennoch sind sie auf eine gewisse Weise seine Erben - wie viele andere Künstler auch. „Ich glaube, in jedem steckt ein bisschen Beuys“, sagt die Rektorin der Kunstakademie, Rita McBride.

Franke zum Beispiel erweitert den Kunstbegriff, indem er Bücher mit Moos, Gräsern und sogar Orchideen besiedelt und unter Glasvitrinen Kultur und Natur zusammenwachsen lässt. „Beuys ist das, was Little Richard für den Rock'n'Roll ist“, sagt Franke. „Man hört ihn nicht mehr jeden Tag, aber er ist der Vater des Ganzen.“

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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