30. Todestag Heinrich Bölls

Ein Mann von morgen

Einst war Heinrich Böll einer der größten Schriftsteller Europas. Doch 30 Jahre nach seinem Tod gerät Böll zunehmend in Vergessenheit. Zu unrecht, wie Literaturexperten finden. Denn seine Werke sind aktueller denn je.
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Der Schriftsteller Heinrich Böll in seiner Kölner Wohnung im Dezember 1977. Quelle: dpa
Vor 30 Jahren starb Heinrich Böll

Der Schriftsteller Heinrich Böll in seiner Kölner Wohnung im Dezember 1977.

(Foto: dpa)

KölnVor 30 Jahren starb Heinrich Böll, vor 60 Jahren Thomas Mann. Beide waren deutsche Literaturnobelpreisträger, aber während Mann heute immer noch gefragt ist, wird Böll eher wenig gelesen und spielt in den Medien nur noch eine bescheidene Rolle.

Die gängige Erklärung dafür lautet, dass Manns Stoffe zeitlos sind, während sich Böll mit der jungen Bundesrepublik auseinandersetzte. Dadurch kann man mit manchen seiner Romane heute nicht mehr viel anfangen – die Zeit ist über sie hinweggegangen. Heinrich Böll – ein Mann von gestern?

Da regt sich Widerspruch. „Es gibt Werke wie die „Katharina Blum“ oder „Billard um halbzehn“, die immer noch relevant sind“, betont der Mitherausgeber der 27-bändigen Werkausgabe, Ralf Schnell. In der „Katharina Blum“ geht es um eine Frau, deren Existenz durch die Vorverurteilung einer Boulevardzeitung vernichtet wird – im Zeitalter der sozialen Netzwerke vielleicht aktueller denn je. Der 1959 erschienene Roman „Billard um halbzehn“ beschäftigt sich mit der Nazivergangenheit, die Deutschland bis heute verfolgt.

Die Literatur-Nobelpreisträger
Patrick Modiano
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Den französische Schriftsteller hat die schwedische Akademie mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet. Modiano wird wegen seiner eindrucksvollen und prägnanten Schilderungen der deutschen Besatzung Frankreichs gewürdigt. Die meisten seiner Romane erschienen in den 1980er und -90er Jahren. Aus diesem Grund wird Modiano von seinen Kritikern in Frankreich „Archäologe der Vergangenheit“ genannt...

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Es gab durchaus Kritik an der Verleihung an Modiano: So schreibt Emma Brockers vom „Guardian“: „Der eigentliche Skandal an Modianos Auszeichnung sei, dass Philipp Roth einmal mehr als Verlierer dasteht.“ Auch an der Frankfurter Buchmesse ist man überrascht. „Dass Patrick Modiano den Literaturnobelpreis 2014 erhält, damit haben auf der Buchmesse nur wenige gerechnet“, schreibt der WDR3 auf Twitter...

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Für den neuen Hanser-Verleger war die Auszeichnung eine große Freude, aber keine große Überraschung: In den vergangenen zwei Wochen sei Modiano ein heißer Kandidat gewesen, sagte Lendle der Presse. Er wurde mehrfach preisgekrönt. Im Jahr 1978 erhielt er für „Die Gassen der dunklen Läden“ den begehrten französischen Prix Goncourt. Die Werke von Modiano behandeln die Themen Erinnern, Vergessen, Schuld und Identität...

Nobel Prize in Literature
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Doch nicht jeder kennt den französischen Autor. „Erst mal Patrick Modiano googeln“, schreibt der Twitter-User Jason Green. So wie diesem Nutzer ging es offenbar vielen. Der Nutzer „Tuca“ wird noch deutlicher: „Wer zur Hölle ist Patrick Modiano?“

Alice Munro
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Die 1931 geborene Kanadierin erhielt den Literaturnobelpreis 2013 als „Virtuosin der zeitgenössischen Kurzgeschichte“, wie es in der Begründung heißt. Mehr als 150 Werke hat sie bis heute verfasst, einige davon wurden kurzzeitig sogar kostenlos im Internet angeboten.

Mo Yan
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Der 59-jährige chinesische Schriftsteller bekam den Nobelpreis im Jahre 2012, „weil er mit halluzinatorischem Realismus Märchen, Geschichte und Gegenwart vereint”. Es gab durchaus Kritik an der Verleihung an Yan: So sagte zum Beispiel der Künstler Al Weiwei der WELT: „Ich akzeptiere das politische Verhalten von Mo in der Realität nicht. Er ist möglicherweise ein guter Schriftsteller. Aber er ist kein Intellektueller, der die heutige chinesische Zeit vertreten kann.“ Sein letztes Werk erschien 2014 unter dem Titel „Wie das Blatt sich wendet. Eine Erzählung aus meinem Leben“.

Tomas Tranströmer
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2011 bekam der Schwede Tomas Tranströmer (1931-2006) den Literturnobelpreis, „weil er uns in komprimierten, erhellenden Bildern neue Wege zum Wirklichen weist“. Der Lyriker veröffentlichte 16 Werke, darunter eine Selbstbiografie.

Germanisten schätzen mittlerweile vor allem die frühen Werke. Der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller W.G. Sebald nahm Böll als einzigen deutschen Schriftsteller von dem Vorwurf aus, vor dem Grauen des Luftkriegs versagt zu haben. „Von sämtlichen Ende der 40er Jahre entstandenen Werken ist es eigentlich nur Heinrich Bölls Roman „Der Engel schwieg“, der eine annähernde Vorstellung vermittelt von der Tiefe des Entsetzens, das damals jeden zu erfassen drohte, der wirklich sich umsah in den Ruinen“, urteilte Sebald. Der Roman wurde erst Jahre nach Bölls Tod veröffentlicht – in der Nachkriegszeit hielten ihn die Verlage für nicht zumutbar.

Böll galt als Gewissen der Bundesrepublik
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