30. Todestag Heinrich Bölls
Ein Mann von morgen

Einst war Heinrich Böll einer der größten Schriftsteller Europas. Doch 30 Jahre nach seinem Tod gerät Böll zunehmend in Vergessenheit. Zu unrecht, wie Literaturexperten finden. Denn seine Werke sind aktueller denn je.
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KölnVor 30 Jahren starb Heinrich Böll, vor 60 Jahren Thomas Mann. Beide waren deutsche Literaturnobelpreisträger, aber während Mann heute immer noch gefragt ist, wird Böll eher wenig gelesen und spielt in den Medien nur noch eine bescheidene Rolle.

Die gängige Erklärung dafür lautet, dass Manns Stoffe zeitlos sind, während sich Böll mit der jungen Bundesrepublik auseinandersetzte. Dadurch kann man mit manchen seiner Romane heute nicht mehr viel anfangen – die Zeit ist über sie hinweggegangen. Heinrich Böll – ein Mann von gestern?

Da regt sich Widerspruch. „Es gibt Werke wie die „Katharina Blum“ oder „Billard um halbzehn“, die immer noch relevant sind“, betont der Mitherausgeber der 27-bändigen Werkausgabe, Ralf Schnell. In der „Katharina Blum“ geht es um eine Frau, deren Existenz durch die Vorverurteilung einer Boulevardzeitung vernichtet wird – im Zeitalter der sozialen Netzwerke vielleicht aktueller denn je. Der 1959 erschienene Roman „Billard um halbzehn“ beschäftigt sich mit der Nazivergangenheit, die Deutschland bis heute verfolgt.

Germanisten schätzen mittlerweile vor allem die frühen Werke. Der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller W.G. Sebald nahm Böll als einzigen deutschen Schriftsteller von dem Vorwurf aus, vor dem Grauen des Luftkriegs versagt zu haben. „Von sämtlichen Ende der 40er Jahre entstandenen Werken ist es eigentlich nur Heinrich Bölls Roman „Der Engel schwieg“, der eine annähernde Vorstellung vermittelt von der Tiefe des Entsetzens, das damals jeden zu erfassen drohte, der wirklich sich umsah in den Ruinen“, urteilte Sebald. Der Roman wurde erst Jahre nach Bölls Tod veröffentlicht – in der Nachkriegszeit hielten ihn die Verlage für nicht zumutbar.

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