30. Todestag
Was von Beuys bleibt

„Jeder Mensch ist ein Künstler“

Hatte Beuys etwa Nägel in die Butter gehauen? Beuys hatte nur Stüttgen das Geheimnis verraten: Die Fettecke lief konisch nach unten zusammen, so dass sie gegen die Wand gedrückt wurde. „Das ist schon fast gotische Architektur“, sagt Stüttgen. „Das ist eben seine Meisterschaft, diese geheimnisvollen Geschichten.“

Doch nach Ansicht von Stüttgen ist Beuys aus noch ganz anderen Gründen bis heute aktuell. „Beuys hat die Flüchtlingskrise von heute vorweggenommen.“ Denn er habe alle Bewerber damals in die Kunstakademie aufgenommen, getreu seinem Motto: „Jeder Mensch ist ein Künstler.“ Für Beuys hatte jeder das Recht, an der Kunstakademie zu studieren. Der Staat seinerseits hätte die Aufgabe, die entsprechenden Möglichkeiten dafür zu schaffen. Zu wenig Raum sei da kein Argument. „Auch wir stehen ja heute vor der Frage: Wer darf rein und wer darf nicht rein?“, sagt Stüttgen. Allerdings: Weil Beuys 142 abgewiesene Studienbewerber in seine Klasse aufgenommen hatte, kündigte ihm der damalige Wissenschaftsminister Johannes Rau 1972 fristlos.

Im Beuys-Atelier wurde nicht nur gemeißelt oder gemalt, sondern es wurde ein öffentliches politisches Anlaufzentrum. Stüttgen, der 1968 auch Asta-Sprecher an der Akademie war, sagt: „Das Problem war, dass diese Dimension nie als Kunst akzeptiert wurde.“ Dabei sei es nichts anderes als die Idee des erweiterten Kunstbegriffs gewesen. Dieser Aspekt im Werk von Beuys sei bis heute „nicht wirklich begriffen worden“.

Auch Kohlrabi-Schälen war für Beuys ein kreativer Prozess. Dass der charismatische Künstler mit seinen provokanten Ideen die Menschen bis heute fasziniert, kann man im Internet unter dem Hashtag #beuysheute verfolgen. Da twittern Kulturblogger, Städte und Kunstfans, was ihnen zu dem Mann einfällt, der mit seinem Filzhut, dem weißen Hemd und der Anglerweste ein Meister der Selbstinszenierung war. Ein Beuys-Rapper ist dort zu sehen, Beuys-Figuren auf dem Weihnachtsmarkt, ein Kohlrabi natürlich und ein Nachbau der „Capri-Batterie“ - eine an eine Zitrone angeschlossene Glühbirnenfassung.

Beuys wurde erst mit weit über 40 Jahren ein Kunststar. Es gibt zahllose Fotos des Künstlers, fast immer mit Filzhut und durchdringendem Blick. Als Schamane bezeichnete er sich, bildete Legenden um seine Person, etwa die, wonach er als Bordfunker nach dem Abschuss über der Krim im Zweiten Weltkrieg 1944 von Tataren mit Filz und Fett gesund gepflegt worden sei. Längst ist nachgewiesen, dass diese Geschichte nicht ganz richtig ist. War er also ein Selbstdarsteller? Nein, meint Stüttgen. „Er ist als Künstler gleichzeitig Bestandteil des Kunstwerks.“

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