33 Jahre nach Watergate legt Enthüllungsjournalist Bob Woodward ein spannendes Buch über seine damalige Quelle „Deep Throat“ vor
Der Informant

Es ist die Szene aller Szenen im größten Politskandal Amerikas: Bob Woodward, Reporter der "Washington Post", steigt am Rande der US-Hauptstadt aus dem Taxi, läuft zu einem Parkhaus und nimmt die Treppe zur untersten Etage. Dort wartet ein Mann mit grauen Haaren und einer Brille, die aussieht wie ein getönter Totschläger: Mark Felt, stellvertretender Direktor der Bundespolizei FBI. Es ist zwei Uhr morgens.

HB WASHINGTON.Der Einbruch ins Hauptquartier der Demokratischen Partei im Washingtoner Watergate-Hotel am 17. Juni 1972 liegt ein paar Wochen zurück. Felt gibt kaum konkrete Informationen preis. Doch er macht den jungen Journalisten mit Andeutungen heiß. Als Woodward fragt, ob an der Finanzierung der Nacht-und-Nebel-Aktion auch hohe Mitarbeiter aus dem Umfeld von Präsident Richard Nixon beteiligt waren, lächelt er: "Zu lasch", sagt er. "Ihr könnt viel härtere Saiten aufziehen."

Woodward und sein Kollege Carl Bernstein nehmen Witterung auf. Die erste Spur ist ein geheimer Bargeldfonds, den das Wiederwahlkomitee für Nixon angelegt hatte. Wenn Woodward nicht mehr weiter weiß, vereinbart er ein Treffen mit Felt in der Tiefgarage. "Achte auf den Geldfluss!" mahnt der FBI-Vize immer wieder. Und so tasten sich die Spürhunde der "Post" vor bis ans Zentrum der Macht. Sie enthüllen ein Komplott, das nur ein Ziel hatte: die Kandidaten der oppositionellen Demokraten zu bespitzeln und durch lancierte Presseinfos fertig zu machen.

33 Jahre waren die Tiefgaragen-Gespräche mit dem FBI-Vize das bestgehütete Geheimnis von Washington. In der Redaktion hatte Woodward seine Quelle nur als "Deep Throat" bezeichnet - in Anlehnung an einen damals zirkulierenden Porno. Wenige Wochen nachdem sich der 91-jährige Felt geoutet hat, legt der bekannteste Reporter der "Washington Post" nun ein Buch vor, das sich wie ein Spionagethriller liest - "The Secret Man".

Woodward schreibt schnörkellos und packend. Dabei präsentiert er keineswegs eine vor Eigenlob triefende Heldensaga. Die Dialoge mit "Deep Throat" sind faszinierend, aber auch beklemmend. Manchmal bleiben seine Infos so dünn, dass er eine Story mit heißer Nadel strickt. Da ist die fieberhafte Lust auf den "Scoop", der die Blamage folgt, wenn es tags darauf Dementis hagelt. Dass Woodward doch zum Erfolg kommt, verdankt er einer Mischung aus Spürsinn, Hartnäckigkeit und Mut. Sein Glück war, dass er in Felt einen Partner hatte, der den Untergang der Nixon-Regierung mit aller Macht heraufbeschwören wollte. Wie so oft ging es um Enttäuschung und Rache: Felt wäre gern FBI-Chef geworden. Und er hasste Nixon, der sich als "control freak" überall einmischte.

Dennoch wird bei der Lektüre des Buches deutlich, dass Woodward einer anderen Zeit angehört: Sein Enthüllungsjournalismus, der Generationen von Journalisten inspirierte, funktioniert heute nur begrenzt. So sitzt die "New York Times"-Reporterin Judith Miller in Beugehaft, weil sie bei der Affäre um eine enttarnte CIA-Agentin den Ermittlern ihre Quelle nicht nennen wollte. Woodward, der über "Deep Throat" lange geschwiegen hatte, ist entsetzt: "Wenn es eine Möglichkeit gäbe, würde ich die Gefängnisstrafe mit Judith Miller gern teilen."

BOB WOODWARD: The secret man - the story of Watergate?s Deep Throat Simon & Schuster, New York 2005, 249 Seiten, 23 Dollar Das Buch erscheint am 18. August bei DVA auf Deusch. Titel: "Der Informant. ?Deep Throat'- Die geheime Quelle der Watergate-Enthüller."

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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